"Wir waren ein Gehirn, das alles geteilt hat." So beschrieb Daniel Kahneman (*1934) einmal sein symbiotisches Verhältnis zu Amos Tversky (1937–1996). Aus ihrem gemeinsamen Interesse für systematische Denk- und Urteilsfehler entwickelten die beiden bedeutenden Psychologen über Jahre hinweg ihre "Prospect Theory", welche die Verzerrungen unseres gar nicht so rationalen Alltagsverstands beschreibt. Überaus detailreich und anschaulich schildert der amerikanische Journalist Michael Lewis das Leben und wissenschaftliche Schaffen der beiden ungleichen Freunde.

Die Kahnemans fliehen vor den Nazis aus Paris zunächst nach Südfrankreich und schließlich weiter nach Jerusalem. Auch für die Familie von Tversky, der in Haifa zur Welt kam, wird der junge Staat Israel zur neuen Heimat. Beide sind nach dem Studium zunächst im Militärdienst aktiv: der besonnene Kahneman als Berater bei der Offiziersauswahl, der Draufgänger Tversky bei den Fallschirmjägern. Ende der 1960er Jahre laufen sie sich dann zufällig an der Hebräischen Universität in Jerusalem über den Weg – und fangen sofort für ein Thema Feuer, das bis dahin kaum beachtet war: jene erstaunlichen Denkfallen, in die wir beim Umgang mit Unsicherheit tappen.

Weichensteller in der Psychologie

Über die bahnbrechende Forschung von Tversky und Kahneman erfährt man in Lewis’ Mischung aus Doppelbiografie und Sachbuch enorm viel. Allein die Ausführungen zum ersten gemeinsamen Fachartikel des Duos, ihrer Studie zum "Gesetz der kleinen Zahl" von 1971, nehmen gut 20 Seiten ein. Tversky und Kahneman befassten sich darin mit dem Phänomen, dass selbst gewiefte Statistiker bisweilen der Illusion erliegen, kleine Stichproben (ob von Ereignissen oder Probanden in einem Experiment) seien ebenso zufallsverteilt wie große. Dem ist nicht so: Absolvieren beispielsweise fünf beliebige Menschen einen Intelligenztest, fallen die Werte sehr häufig unter- oder überdurchschnittlich aus. Dieser und andere Irrtümer beruhen auf psychologischen Voreinstellungen, die Tversky und Kahneman als Erste detailliert untersucht und beschrieben haben. Begriffe wie Verfügbarkeits- und Repräsentativitätsbias, Framing und Ankereffekt sind heute aus der Kognitionsforschung nicht mehr wegzudenken.

Lewis’ Bericht liest sich wie ein romanhaftes Remake von Kahnemans Bestseller "Schnelles Denken, langsames Denken". Viele Anekdoten im Buch sind so persönlich, dass man ob der Recherchemöglichkeiten des Autors staunt. Sein Stil ist mitreißend, wenn auch nicht frei von Redundanzen und Überhöhungen. So zeichnet er Tverskys und Kahnemans Charaktere in den schillerndsten Farben: den einen als Sprüche klopfenden Exzentriker und Partylöwen, den anderen als stillen Selbstzweifler, der lange im Schatten des genialen Kollegen stand. In etwas weniger grellem Licht wären die Züge der beiden Forscher vielleicht differenzierter, menschlicher hervorgetreten. Auch ein Bildteil mit historischen Fotos hätte dem Buch mehr Realitätsnähe verliehen.

Am meisten irritiert das lange, mit zahllosen Details zum Profi-Spielerscouting im US-Basketball und -Baseball gespickte Eingangskapitel. Es ist letztlich nur eine Reminiszenz an Lewis’ früheren Erfolg "Moneyball" (mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt). Doch von der Tatsache, dass die genaue statistische Analyse von Spielerdaten oft die intuitiven Urteile vermeintlicher Sportexperten schlägt, ist es ein weiter Bogen zu den Arbeiten von Tversky und Kahneman über Denk- und Urteilsfehler.

Amos Tversky starb bereits im Alter von 59 Jahren an Krebs. Sechs Jahre später nahm Daniel Kahneman (gemeinsam mit dem US-Ökonomen Vernon Smith) in Stockholm den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften entgegen. Verdient haben ihn alle drei.