Im vorliegenden Buch nehmen der Philosoph Michael Pauen und der Soziologe Harald Welzer unter die Lupe, was Autonomie ist. Dabei zeigen sie, dass der Begriff enorm viele Facetten hat und Autonomie in ihrer heutigen Form eine zivilisatorische Errungenschaft darstellt, die gefährdet ist.

In fünf gut aufeinander aufbauenden Kapiteln definieren Pauen und Welzer zunächst den Begriff "Autonomie", beleuchten dann aus historischer, soziologischer und philosophischer Perspektive seine Entwicklung und beschreiben, warum der Zustand der Selbstbestimmung eine Grundvoraussetzung demokratischer Gesellschaften ist. Die Autoren nehmen den Leser mit auf eine Reise durch vergangene Jahrhunderte und schildern, wie sich die Vorstellung von "Autonomie" im Lauf der Zeiten wandelte. Verstand Immanuel Kant (1724-1804) darunter noch "moralisch vernünftiges Handeln", verknüpften spätere Philosophen damit zunehmend individuelle Bedürfnisse und Wünsche. Pauen und Welzer begründen überzeugend, warum es vor allem der bessere Lebensstandard und die fortschreitende Arbeitsteilung waren, die seit der Aufklärung zu größeren Handlungsspielräumen und mehr Selbstbestimmung führten.

Gefährdetes Gut

Jedoch ist Autonomie nach Ansicht der Autoren ein höchst fragiler Zustand. Dies belegen sie anhand empirischer Erkenntnisse, vor allem im Hinblick auf die NS-Zeit, in der zahlreiche Menschen auf fatale Weise konformistisch statt selbstbestimmt handelten. Viele geschichtliche Beschreibungen in dem Buch dürften allgemein bekannt sein. Dennoch lesen sie sich interessant, sind sie doch durch Beschreibungen verschiedener psychologischer Experimente rund um das Thema Autonomie ergänzt. Dazu gehören das berühmte Stanford-Prison-Experiment, in dem Forscher das Verhalten von Menschen in Gefangenschaft untersuchten, oder die Versuche des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram (1933-1994), bei denen Versuchspersonen ihre Bereitschaft zeigten, anderen Probanden schmerzhafte Stromstöße zu verabreichen. Diese und andere Experimente zeigen: Es gibt weder den "Helden", der sich, falls moralisch geboten, autonom gegen alle anderen stellt, noch gibt es den Konformisten in Reinform. Es sind die jeweiligen sozialen Strukturen, die Selbstbestimmung ermöglichen oder verhindern, woraus sich das Plädoyer der Autoren erklärt, ebenjene Strukturen zu schaffen und zu schützen.

Am Ende des Buchs legen Pauen und Welzer dar, warum sie die Autonomie heute bedroht sehen. Sie machen mehrere kritische Entwicklungen aus: den Verlust der Privatsphäre in der digitalen Welt; das Einverständnis damit, überwacht zu werden (durch Preisgabe von Daten an Suchmaschinen und Social Media); sowie das schleichende Aufkommen eines neuen politischen Totalitarismus infolge umfassender Kontrollmöglichkeiten durch "Big Data". Die Autoren beziehen sich dabei unter anderem auf den österreichischen Philosophen Günther Anders (1902-1992). Sie geben den Lesern elf "Verteidigungsregeln" an die Hand, um für die Selbstbestimmung zu kämpfen; allerdings fällt dieser ratgeberähnliche Teil etwas aus dem Rahmen des Buchs, zumal er nur knapp fünf Seiten umfasst.

Insgesamt ist "Autonomie" ein lesenswertes Buch, abgerundet durch zahlreiche Anmerkungen, Verweise auf weiterführende Literatur und ein umfassendes Namens- und Sachregister. Hilfreich sind zudem die kurzen Zusammenfassungen am Ende der ersten beiden Kapitel, die man sich auch bei den anderen Kapiteln gewünscht hätte.