Liebe ist, … ein Ideal? Ein kulturelles Konstrukt? Eine partnerschaftlich gemeinsam entworfene Idee? Oder eine selbstverständliche Begleiterscheinung des Lebens, auf die wir ein Anrecht haben?

Der Religionspädagoge und Paartherapeut Frank Natho versucht sich in seinem Buch an Antworten darauf. Indem er Erkenntnisse aus der Neurobiologie und der Entwicklungspsychologie heranzieht, zeigt er, dass die Liebe vor allem eine Idee ist. Er widerspricht damit nach eigener Aussage der "differentiellen Emotionstheorie" des amerikanischen Anthropologen Paul Ekman, der zufolge Liebe ein angeborenes Grundgefühl sei. Natho ist überzeugt davon, dass langjährige Partnerschaften in aller Regel nicht von romantischer Liebe getragen werden – entgegen der gängigen Idealvorstellung.

Natho plädiert für eine objektivere Betrachtung partnerschaftlichen Zusammenseins und wirbt dafür, das Ideal "Liebe" durch "Freundschaft" zu ersetzen. Das Verliebtsein, von dem junge Leute oft schwärmen, komme eher einem Stresszustand gleich. Es weiche mit zunehmender Beziehungsdauer und fortschreitendem Alter immer mehr einer Vertrautheit. Natho schätzt, die Stabilität langjähriger Partnerschaften werde etwa zur Hälfte von Vertrauen getragen und nur zu einem Fünftel von Liebe. Im hohen Alter gehe letzterer Anteil noch weiter zurück, ebenso wie der Sexualtrieb. Der Autor weist allerdings darauf hin, dass die Mechanismen langjähriger Paarbeziehungen kaum erforscht seien – im Gegensatz etwa zu emotionalen Bindungen zwischen Eltern und Kindern.

Durch den Lauf der Zeiten

Um dem Wesen der Liebe auf den Grund zu gehen, begibt sich Natho auf deren historische Spuren. Von der Antike über die Kirchengeschichte bis heute, schreibt er, ließe sich nachzeichnen, dass die Liebe eine Idee sei und kein Grundgefühl. Während die Liebe in der Antike an Institutionen und religiöse Riten gebunden war, erhob sie der Apostel Paulus sogar über den Glauben: "Und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetze, habe aber die Liebe nicht, so bin ich nichts" (1 Kor 13,2). Im Mittelalter wiederum nahm die Kirche starken Einfluss auf das Leben der Menschen. Sie postulierte die "wahre Liebe", nämlich jene zu Gott, und stellte Sinnlichkeit und Erotik häufig als Teufelswerk dar.

Unter dem reformatorischen Einfluss Martin Luthers (1483-1546) und später im 19. und 20. Jahrhundert schwächte sich diese puristische Grundhaltung ab. Heute, so der Autor, stehe vielfach der Konsum im Vordergrund – auch bei Intimbeziehungen. Geprägt durch Kapitalismus und Globalisierung gingen viele Menschen davon aus, "echte" Liebesbeziehungen müssten gewisse Standards erfüllen: sexuelle Befriedigung, dauerhafte Anregung, jugendliche Frische und, vor allem, keine "Abnutzung".

Auf der Suche nach dem permanenten Stimulus

Eine so definierte Liebe mache unglücklich, schreibt der Autor. Er rät, von ihr als Ideal zu lassen – dies ermögliche ein besseres Zusammenleben mit dem Partner. Denn dann könnten sich beide mehr auf das besinnen, was ihre Beziehung eigentlich ausmache. Gewohnheiten in einer Partnerschaft, mahnt Nato, seien nicht langweilig, wie oft behauptet, sondern vielfach deren tragende Säulen. Auch die bange Frage "Liebst du mich noch?" erübrige sich so.

In den beiden letzten Kapiteln setzt sich der Verfasser mit wissenschaftlichen Hypothesen über die Liebe auseinander. Er zitiert etwa den Hirnforscher Gerald Hüther, dem zufolge Frau und Mann jeweils nur etwas Halbes seien und sich zur Vervollkommnung vereinen müssten. Laut Natho ist dies ein Irrtum: Jeder Mensch sei vollkommen. Er benötige lediglich zur Persönlichkeitsbildung Interaktionen mit anderen Menschen.

Am Ende des Werks weist Natho noch einmal darauf hin, dass Menschen ihr Glück meist nicht über das definieren, was sie haben, sondern über das, was sie nicht haben. Da eine romantische, "vollkommene" Liebe als Dauerzustand nicht erreichbar sei, werde unglücklich, wer sich an ihr orientiere. Das Leitbild "Freundschaft" eigne sich besser, um langjährige, gelungene Partnerschaften zu gestalten.