Wäre dieser Band ein Sachbuch, müsste sein Titel ungefähr "Das verschärfte anthropische Prinzip" lauten. Es geht um eine Idee, die wegen ihrer Nähe zum Kreationismus einen eher zweifelhaften Ruf genießt. Dabei ist gegen die Beobachtungen, die ihr zu Grunde liegen, nichts einzuwenden. Sie lautet: Wären die fundamentalen Naturkonstanten wie Lichtgeschwindigkeit, plancksches Wirkungsquantum und weitere, welche die starke und die schwache Kernkraft beschreiben, nur geringfügig anders, dann würde die Welt, wie wir sie kennen, nicht existieren – nicht einmal annähernd. Elektronen wären nicht stabil an Atomkerne gebunden, vielleicht gäbe es keine Atomkerne, jedenfalls keinen Kohlenstoff. Und uns Menschen schon gar nicht. Daraus folgt umgekehrt, dass wir keine anderen Werte der Naturkonstanten beobachten können als die, die wir beobachten, denn sonst gäbe es uns nicht. Das ist das "schwache anthropische Prinzip" – unbestreitbar richtig, aber da es einer Tautologie gleichkommt, auch wenig aussagekräftig.

Das "starke anthropische Prinzip" dagegen behauptet: Dass die Naturkonstanten rein zufällig diese speziellen Werte annehmen, ist dermaßen unwahrscheinlich, dass man davon ausgehen müsse, ein Schöpfergott (ein "intelligenter Designer") habe das Universum geeignet präpariert. Und zwar, damit es uns gibt. Diese Position ist zwar logisch ebenso unhaltbar wie die anderen Ideen vom "Intelligent Design", hat aber zweifellos herzerwärmende Qualitäten.

Nach dem großen Zusammenkrachen

Es geht noch wesentlich kühner. "Die Menschheit wurde erschaffen, um Intelligenz hervorzubringen, die noch ausgefeilter ist als die biologische. Künstliche Intelligenz. Die Computer … Sie werden sich in alle Richtungen des Universums verbreiten und in vielen Milliarden vernetzt zu einer einzigen Wesenheit werden, allwissend und allgegenwärtig", so legt es der Autor dieses Buchs seinem Helden in den Mund. Selbst dieser Universalcomputer werde den "Big Crunch", den großen Zusammenbruch, nicht abwenden können, auf den das Universum unaufhaltsam zusteuere. Aber er werde die Parameter des Untergangs so steuern, dass aus den Trümmern des alten Universums ein neues entstehe, mit Naturkonstanten, die wieder Materie entstehen lassen, "dann das Leben und schließlich die Intelligenz, und so wieder ein neues Anthropisches Prinzip".

Das ist nun im Wortsinn sehr globales Denken und auf eine gewisse Weise reizvoll – solange man profane Fragen wie die nach dem Realitätsgehalt oder der Verifizierbarkeit nicht stellt. Da trifft es sich günstig, dass die These nicht in einem Sachbuch verpackt ist, sondern in einem Roman. José Rodrigues dos Santos aus Lissabon, der neben seiner Autorenschaft eine bunte Mischung von Berufen ausübt – Nachrichtensprecher, Journalist und Professor laut Klappentext –, bettet die Darlegung in eine wilde Geschichte ein. Da er aber seine Theorie recht ausführlich vermittelt, hat er eine beträchtliche Menge Stoff unterzubringen, aufgeteilt in mehrere Lektionen. Der zugehörige Schüler ist in dem Roman ein portugiesischer Kryptologe namens Tomás Noronha. Die Lehrerrolle teilen sich eine geheimnisvolle, faszinierend schöne iranische Physikerin – was die obligatorische Liebesgeschichte sicherstellt –, ein tibetischer Mönch sowie diverse Lissabonner Kollegen Noronhas aus den Fachbereichen Mathematik und Physik. Das schafft allerlei Abwechslung, verhindert jedoch nicht, dass etliche Lektionen zu langen Monologen des jeweiligen Lehrers geraten.

Gottesbeweis nach heftiger Interpretation

Die Urheberschaft an der ganzen Theorie schreibt dos Santos keinem Geringeren zu als Albert Einstein. Der, so lautet die Story, hat ein Manuskript mit dem Titel "Die Gottesformel" hinterlassen. Das kidnappt der iranische Geheimdienst, zusammen mit seinem Besitzer, der es noch aus den Händen des großen Meisters empfangen hatte. Hinter einigen verschlüsselten Textteilen vermutet man ein Rezept für eine handliche, unauffällig herstellbare Atombombe. Darum kämpfen sowohl der iranische Geheimdienst als auch die CIA mit harten Bandagen, was den Roman streckenweise zum Spionagethriller macht. Aber nichts da: Aus dem Manuskript liest der gelehrige Noronha die oben dargestellte, alles andere als bombentaugliche Theorie heraus, und die finstere Agentengeschichte löst sich in Wohlgefallen auf.

Der Roman will uns das verschärfte anthropische Prinzip als "Beweis für die Existenz Gottes" verkaufen. Das ist zwar ebenso Unfug wie die entsprechende Behauptung bei den milderen Varianten, aber in einem belletristischen Werk darf dichterische Freiheit walten. Es stört jedoch, dass der Band vor allem gegen Ende hin zunehmend den Eindruck eines Sachbuchs erweckt, dem zur besseren Verdaulichkeit eine ziemlich fadenscheinige Handlung beigemischt wurde. Allzu naiv vertraut der Held den Zusicherungen diverser Geheimagenten, unternimmt keinen ernsthaften Versuch, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und das Ergebnis seiner Entschlüsselung muss noch sehr heftig interpretiert werden, bis der vorgebliche Gottesbeweis daraus zu lesen ist.

Eine unterhaltsame Lektüre – aber hinterfragen Sie das Ganze besser nicht.