"Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Von diesem berühmten Satz des Philosophen Theodor W. Adornos (1903-1969) distanziert sich Hans-Joachim Maaz, Bestsellerautor und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle. Doch dass falsches Leben weit verbreitet ist, das gesteht Maaz zu. Nur handelt es sich für den Autor dabei um die Emanzipationsbewegung, die antiautoritäre Erziehung, das Umweltbewusstsein, die Flüchtlingshilfe, die politische Korrektheit und die "moralische Politik". Das alles erklärt der pensionierte Psychiater für zwanghaft, angepasst und überkorrekt, in Maaz Worten "normopathisch". Für dieses "falsche Leben" macht er die Achtundsechziger verantwortlich.

Das angeborene Selbst könne sich durch die Erziehung nicht entfalten, glaubt Maaz. Die Ursache hat er schnell gefunden: emanzipierte Mütter, die ihre eigenen Interessen über die des Kindes stellten. Das liege, so der Autor, primär am rotgrünen Zeitgeist, der meine, Mutterliebe sei durch eine Kinderkrippe zu ersetzen – und der für ihn auch sonst an allem Schuld trägt, etwa an Egoismus, Konsum, Krankheit und Gewalt. Dass diese Phänomene so alt sind wie die Menschheit selbst, scheint ihn nicht zu stören.

Wie aus den Echokammern abgeschrieben

Die "normopathische Humanitätsduselei" habe in Deutschland zu einer Flüchtlingspolitik der "irrationalen Grenzöffnung" geführt und Menschen in das Land gelassen, die – wie übrigens Maaz selbst, der in der DDR gelebt und praktiziert hat – aus keiner demokratischen Kultur stammen. "Erfolgreiche Migranten" verdrängten die Einheimischen, es drohe die Gefahr, dass "Afrika nach Europa übersiedelt". An anderer Stelle schreibt er: "Der 'Stammtisch' ist der seelischen Wahrheit oft näher als moralische Statements sozialer Tugendhaftigkeit." Unklar bleibt, was er mit "seelische Wahrheit" meint.

Laut Maaz brauchen Menschen vor allem Halt und feste Orientierung, die ihnen die liberale Welt der Achtundsechziger verweigere, während der Autor offenbar meint, sie liefern zu können. Ebenso ist ihm zufolge eine lebenslange psychotherapeutische Begleitung nötig, um das "echte Leben" zu verwirklichen.

Der pensionierte Psychoanalytiker stempelt jede gesellschaftliche Entwicklung, die nicht zu seiner politischen Meinung passt, als mehr oder weniger krankhaft ab. Dabei schreckt er vor höchst angreifbaren Thesen und expliziter Fremdenfeindlichkeit nicht zurück.