Ein Freiwilliger aus dem Publikum soll in einem Salon der 1740er Jahre eine schöne junge Frau küssen, die von einem einfachen Generator elektrisiert wurde. Als sich seine Lippen den ihren nähern, die mit einer leitenden Substanz bestrichen sind, trifft ihn der Blitz.

Der 1981 geborene Literat und Philosoph Tristan Garcia von der Université de Lyon analysiert in seinem Buch eine Lebensform, die sich seiner Ansicht nach parallel zur Elektrifizierung ausgebreitet hat, nämlich die des intensiven Lebens. Der heutige Mensch suche stets den ultimativen Kick: bei der Arbeit, beim Sport, beim Sex. Dementsprechend stehe er ständig unter Strom. Er wolle die Welt intensiv erfahren und auskosten, unter permanenter Hochspannung und Beschleunigung. Diese Lebensweise sei zu einer Norm geworden, die gleichzeitig eine Ethik der Leistungs- und Spaßgesellschaft auf den Weg gebracht habe.

Das moderne Leben, schreibt Garcia, wäre ohne Elektrizität gar nicht möglich. Sie treibt die Maschinen ebenso an wie den globalen Informationsaustausch. Vor allem habe sie eine dunkle (Nacht-)Welt erleuchtet, was sie laut dem Autor begrifflich mit der Aufklärung verbindet, wie es das englische Wort "enlightenment" ausdrückt.

Auf der Überholspur

Allerdings drohten beim "intensiven Leben" auch permanent Ermüdung und Depression. Denn die Ethik der Intensität verlange eine ständige Steigerung: höher, schneller, weiter. Doch ob in der Liebe oder beim Sport – Kick oder Liebesrausch ließen sich nicht beliebig steigern, denn ein derartiges Leben werde selbst zur Routine und verliere damit an Reiz und Spannung.

Garcia sucht nach einem Modus Vivendi, um mit dieser "modernen Obsession" so umzugehen, dass man eine Überreizung der Sinne vermeidet, das intensive Leben also moderiert – eigentlich ein Widerspruch in sich. Dazu müsse man auf das Denken zurückgreifen, glaubt der Autor. Der "Strom des Lebens" dürfe das Nachdenken nicht verdrängen, gleichzeitig verliere er seine Lebendigkeit, wenn das Denken ihn zu sehr kanalisiere. Ein ausgewogenes Gleichgewicht sei also gefragt.

Wie man das konkret erreicht, darüber sagt der Autor leider wenig. Trotzdem ist das Buch lesenswert, da es das Dasein auf philosophisch interessante Weise auslotet.