Tunichtgut, Taugenichts, Mensch auf schiefer Bahn: Solche Assoziationen kommen wohl den meisten in den Sinn, wenn das Stichwort "Schwarzes Schaf" fällt. Der Volksmund bezeichnet mit dem Begriff meist Personen, die aus dem Rahmen ihrer Familie fallen und als störende Außenseiter gelten. Während den Betroffenen in dieser Sichtweise immer eine Portion Selbstverschulden anhaftet, sind sie für Peter Teuschel in erster Linie Opfer: Menschen, die familiär ausgegrenzt und benachteiligt werden.

Teuschel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, begegnet im Berufsalltag vielen solchen Schicksalen. Er weiß, dass zahlreiche Wege ins Abseits führen. Da gibt es Fälle, bei denen ein Familienmitglied aus reinem Sadismus abgewertet wird. Oder ein Vater schenkt seinem (vermeintlichen) "Kuckuckskind" weniger Beachtung und Wertschätzung als den leiblichen Sprösslingen. Oft entsteht die Ausgrenzung auch aus einem ungünstigen Timing heraus, etwa wenn ein Kind durch späte Geburt das Familiengefüge oder die Pläne für den Lebensabend ins Wanken bringt. Oder wenn die Eltern mit der Betreuung eines Sorgenkinds überfordert sind und schlicht keine Kraft mehr haben, sich auch um das "normale" Geschwister zu kümmern.

In anderen Fällen werden Künstler abgewertet, die in den Augen ihrer Angehörigen besser einen "Brotberuf" erlernen hätten. Und selbst beruflich und sozial erfolgreiche Menschen – eigentlich "blütenweiße Schafe" – können allein aufgrund der Tatsache, dass sie einen völlig anderen Lebensweg eingeschlagen haben als Eltern und Geschwister, ins familiäre Aus geraten.

Oft trügt der familiäre Schein

Gemeinsam ist all diesen Schicksalen eine anhaltend schmerzhafte Kränkung der Betroffenen sowie das Risiko psychischer Komplikationen – von Selbstwertproblemen über Schuldgefühle bis hin zu Depressionen, Angststörungen und der Schwierigkeit, stabile Bindungen einzugehen. Im Laufe der zurückliegenden 20 Jahre, schreibt Teuschel, habe er so viele "Schwarze Schafe" kennengelernt, dass er von einem massiv unterschätzten Phänomen ausgehe.

Darauf aufmerksam zu machen, ist das erklärte Ziel des Buchs. Wer sich aus einer Außenseiterposition befreien wolle, schreibt der Autor, müsse die zugrundeliegenden Mechanismen zwischenmenschlicher Beziehungen verstehen. Teuschel veranschaulicht sie anhand zahlreicher Beispiele aus der eigenen Praxis. So gelingt es ihm, das Phänomen der "Schwarzen Schafe" anschaulich und lebensnah zu erörtern – vermutlich wird so mancher Leser sich in den geschilderten Schicksalen wiedererkennen.

Zwar will das Buch weder Ratgeber noch Anleitung zur Selbsttherapie sein. Es vermittelt lediglich im letzten Abschnitt eine Reihe alltagsorientierter Impulse. Doch allein das Erlebnis, sich in einem der beschriebenen Fälle wiederzuerkennen, mag Betroffenen die Augen öffnen und die ersten Schritte in eine unbelastete Zukunft ermöglichen.