Zugegeben, der Untertitel "Raum, Zeit und die moderne Kosmologie" klingt etwas beliebig. Einmal kurz durch das Buch blättern: keine einzige Abbildung zu sehen. Vielleicht doch lieber etwas anderes lesen? Nein! Schon nach den ersten Seiten des Buchs ist man jegliche Sorge losgeworden, dass die folgenden mehr als 300 Seiten langweilen könnten.

Der britische Wissenschaftsautor und promovierte Astrophysiker Stuart Clark wählt in diesem Buch über die moderne Kosmologie einen situativen Einstieg: die Pressekonferenz am 21. März 2013, bei der die Europäische Weltraumbehörde ESA die Himmelskarte der kosmischen Hintergrundstrahlung vorstellte, die mit dem Planck-Satelliten erfasst worden war. Was ist auf ihr zu sehen? Warum verrät sie uns so viel über die Geschichte des Universums? Wie verlief die Entwicklung des Kosmos seit dem Urknall? Woraus besteht die Welt? Viele spannende Fragen, und Clark möchte seinen Lesern die bestmöglichen Antworten geben.

An die Grenzen des Verstehens

Die Kosmologie hat sich in den zurückliegenden Jahren rasend entwickelt. Dunkle Materie, Dunkle Energie und Inflation sind Verfeinerungen des einfachen Urknallbilds und in der Wissenschaftlergemeinde inzwischen Konsens – obwohl sie alles andere als intuitiv zu verstehen sind. Clark folgt weder strikt der Historie des Erkenntnisfortschritts noch der Entwicklungsgeschichte des Weltalls. Stattdessen sortiert er die Kosmologie, so gut es geht, in zehn thematisch strukturierte Kapitel. Dies sind etwa die Erfindung des newtonschen Universums, die Geschichte des Sonnensystems und die Entwicklung der allgemeinen Relativitätstheorie. Als Leser erfährt man von der Erforschung der Sterne, von Schwarzen Löchern und davon, wie Edwin Hubble (1889-1953) zeigte, dass die Spiralnebel am Himmel eigenständige Galaxien sind. Auch führt der Autor in die Konzepte der Dunklen Materie und Dunklen Energie ein – beides im wissenschaftlichen Sinn vernünftige Hypothesen, bevor es um viel spekulativere Ideen wie Multiversen geht. Clark schließt sein Werk mit philosophischen Überlegungen zu den "dunklen" Konzepten. In welchem Sinn sind sie real?

Das Buch ist sehr packend. Geschickt arbeitet Clark mit Zuspitzungen, etwa wenn er eine Pressekonferenz als Wendepunkt für die Wissenschaft darstellt. Natürlich stimmt das nicht – der Fortschritt vollzieht sich viel kontinuierlicher, als es das Denken in Wendepunkten suggeriert. Aber so erzählt, liest es sich einfach viel besser.

Wegen der thematischen Sortierung des Bands geht die zeitliche Ordnung etwas verloren; oft springt der Text in der Zeit vor oder zurück. Das verwirrt häufig und dürfte vor allem solche Leser irritieren, die sich zum ersten Mal mit Kosmologie beschäftigen. Daher ist das Werk eher nicht für den Erstkontakt mit dem Thema geeignet, dafür aber umso mehr für Fortgeschrittene, die sich wieder einmal auf den aktuellen Stand der Forschung bringen wollen.

Der Autor ist ein anerkannter Kenner der Materie, und es gibt nur wenige Textstellen, die inhaltlich zu kritisieren sind. So war die unverstandene Periheldrehung des Merkurs Anfang des 20. Jahrhundert nicht der Grund, warum Albert Einstein (1879-1955) die allgemeine Relativitätstheorie entwickelte. Stattdessen diente ihm diese zur empirischen Prüfung seiner Feldgleichungen. Ebenso verfehlt ist die Verkürzung des Forschungsprinzips "Ockhams Rasiermesser" auf ein lapidares "In der Kürze liegt die Würze". Ockhams Rasiermesser besagt vielmehr, dass von mehreren Theorien diejenige vorzuziehen ist, die mit den wenigsten Variablen und Hypothesen auskommt.

Aber das sind nur kleine Stolperstellen in einem insgesamt tollen Buch. Ein hochaktuelles, spannendes Werk und fesselnd geschrieben. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Kosmologie in den nächsten Jahren entwickelt.