Im Alter wenden sich Naturwissenschaftler gern der Philosophie zu. Wenn das Engagement für Beobachtungen, Experimente oder Theorien nachlässt, empfiehlt sie sich als neues Betätigungsfeld. Einige, wie Einstein oder Heisenberg, haben dabei eine beachtliche gedankliche Tiefe erreicht. Unter Physikern dominiert ohnehin die Meinung, Philosophie ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund sei fruchtlos.

Die junge Autorin dieses Buchs beschreitet dennoch den umgekehrten Weg und betrachtet die Astrophysik von vornherein aus der philosophischen Perspektive. Sibylle Anderl hat Philosophie und Physik studiert und arbeitet derzeit als Redakteurin für das Wissenschaftsressort der FAZ. Das Buch – ihr erstes – wendet sich an wissenschaftlich interessierte Leser, die gewillt sind, die gängigen Beobachtungen und Theorien zu hinterfragen. Letztere kann man zweifellos kritisieren, aber gilt das auch für astronomische Beobachtungen? Sind diese nicht, wenn sie sauber durchgeführt werden, über jedem Zweifel erhaben und geben die nackte Realität wieder? Ganz im Sinne von Karl Popper sind es doch allein die Experimente, die eine Theorie falsifizieren können. Doch sind astronomische Beobachtungen mit Experimenten im Labor vergleichbar? Falls nicht, was bedeutet das für unsere Bild vom Kosmos und seiner Entwicklung. Diesen Fragen hat sich Sibylle Anderl gestellt.

Entstanden ist ein recht persönliches Buch. Das zeigen schon die gewählte Ich-Form und die selbst gezeichneten Cartoons (als einzige Abbildungen). Eingestreut sind Szenen eines Telefonats mit dem Vater, bei dem es um Schwarze Löcher, ihre Beobachtungen in Chile und viele Grundfragen der Astronomie geht. Der Vater steht stellvertretend für die Leser mit ihren vielen Fragen – ein interessantes Konzept. Der Text ist flüssig und verständlich geschrieben.

Der Kosmos als Einbildung?

Anderls Schüsselerlebnis war eine Tagung in der Uckermark mit Teilnehmern aus Astrophysik, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Es ging um die Frage, wie die Astrophysik funktioniert und wie Forscher vorgehen, wenn sie das Universum erkunden. Der Autorin gelang es nicht, die anderen davon zu überzeugen, dass diese Wissenschaftsdisziplin grundsätzlich anders arbeitet. Dann entdeckte sie die Werke des kanadischen Wissenschaftsphilosophen Ian Hacking, der besonders hart mit der Astrophysik ins Gericht geht. Ihm zufolge ist die adäquate Basis allen Wissens das Experiment: Erst durch die unmittelbare, kontrollierte Manipulation der Dinge könnten wir ihre wahre Natur erkennen. Die Astrophysik tut dies gerade nicht, sie ist zur passiven Fernerkundung verdammt und Illusionen weitgehend ausgeliefert. Als Ausnahme kann man bestenfalls noch das Sonnensystem ansehen, wo mittels Raumsonden "experimentiert" wird, aber jenseits davon ist Schluss. Hacking stellt die unbequeme Frage, ob es all das wirklich gibt, wovon Astrophysiker reden. Vielleicht existieren Galaxien, Molekülwolken, Weiße Zwerge, Rote Riesen oder Schwarze Löcher gar nicht?

Als Leser wird man geschickt in diese Welt des universellen Zweifels eingeführt und ahnt bald, dass die von der Philosophie verunsicherte Astrophysikerin dagegen angehen wird. Wie sie dies tut, sei hier nicht verraten, herausgekommen ist aber ein überzeugendes Plädoyer für die Wissenschaft vom Kosmos. Ausführlich diskutiert Anderl die Methodik, Bedeutung und den Nutzen der Beobachtung und arbeitet den Unterschied zu experimentellen Wissenschaften heraus. Dabei nimmt sie sogar Anleihen bei der Kriminalistik ("Sherlock-Holms-Methode"). Natürlich beleuchtet sie die Qualität der Beobachtungsdaten und die gängigen Analyseverfahren kritisch. Zudem widmet sie sich der wachsenden Bedeutung von mathematischen Modellen und Computersimulationen.

Am Ende gelingt es der Autorin, Hacking – interessanterweise gerade mit den Mitteln der Philosophie – in die Schranken zu weisen. Obwohl wir eigentlich noch keinen Schritt "vor die Tür" gesetzt haben, scheinen unsere Beobachtungen, die allein auf diversen Wellen- oder Teilchenstrahlungen beruhen, nicht ganz umsonst zu sein, und die Welt dort draußen dürfte mit unseren theoretischen Vorstellungen hinreichend übereinstimmen. Trotzdem schadet es nicht, die Universalität der Physik auf den Prüfstand zu stellen. Auch der Vater ist letztlich mit den Erklärungen seiner Tochter zufrieden. Und das wird auch der Leser sein.