Vor 200 Jahren starb der Mann, der dem Sadismus seinen Namen gab: Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade (1740-1814). Der Historiker Volker Reinhardt von der Universität in Fribourg (Schweiz) porträtiert den Meister der verbotenen Lüste als Kind seiner Zeit. In der Spätphase des französischen Absolutismus erreichte die ausschweifende Dekadenz und Amoralität von Adligen und Kirchenvertretern ihren Höhepunkt. Erlauchte Herrschaften und Würdenträger konnten quasi nach Belieben plündern, vergewaltigen und morden, ohne rechtlich belangt zu werden. Darüber hinaus war Sexualität unter den Herrschenden zu einem zentralen Machtinstrument geworden. So hatte sich auch de Sades Vater quer durch die Gemächer einflussreicher Damen nach oben geschlafen, und sein Onkel, ein Abt, in dessen Obhut de Sade seine Kindheit verbrachte, hurte und prasste auf "Teufel komm raus".

Diese Mischung aus entfesseltem Trieb und Machtkalkül prägte de Sade vom Kindesalter an. Er selbst setzte dem nur noch das i-Tüpfelchen auf, indem er der Scheinheiligkeit von Religion und Moral abschwor und den puren Lustgewinn zelebrierte – auch mittels Gewalt. De Sade lebte und dachte somit konsequent zu Ende, was in seiner Welt tägliche Realität war, wobei seine privaten Eskapaden die Brutalität der literarischen kaum erreichten.

Im Visier der Schwiegermutter

Diverse "Affären", in denen er junge Prostituierte und Diener beiderlei Geschlechts missbrauchte und malträtierte, machten ihn ab 1763 dennoch zur Zielscheibe der Sittenpolizei – allerdings vor allem deshalb, weil seine Schwiegermutter sich des "Teufels in Menschengestalt", den ihre Tochter geehelicht hatte, elegant entledigen wollte. Eine öffentliche Verurteilung de Sades hätte ein schlechtes Licht auf die Familienehre geworfen. Also ließ ihn die Dame mit Hilfe mächtiger Freunde wiederholt auf entlegenen Burgen festsetzen.

Der Marquis zeigte erstaunliches Geschick darin, immer wieder zu fliehen, tauchte zeitweise unter falschem Namen in Italien und Spanien unter und entzog sich auch auf dem heimatlichen Gut Lacoste in der Provence mehrfach dem Zugriff seiner Häscher. Mindestens zweimal entkam er nur knapp dem Tod. 1777 feuerte der Vater einer Dienstbotin, die von de Sade missbraucht worden war, zwei Kugeln auf ihn ab, die jedoch ihr Ziel verfehlten. Und 1794, inmitten der Revolutionswirren, entging er im letzten Moment dem Ende auf der Guillotine.

Das Leben auf der Flucht währte freilich nicht ewig. Als die Revolution 1789 ausbrach, hatte de Sade bereits gut zehn Jahre hinter Gittern gesessen. Nachdem er in diversen Kerkern, unter anderem der Pariser Bastille, seine literarischen und philosophischen Hauptwerke verfasst hatte – etwa "Justine oder die Unglücksfälle der Tugend" und "120 Tage von Sodom" –, verbrachte er sein letztes Lebensjahrzehnt recht angenehm in der Irrenanstalt von Charenton, wo er eigene Theaterstücke mit den Insassen aufführte.

Traurige Bekanntheit

Reinhardts Biographie ist klar und informativ, weit entfernt vom Voyeurimus der meisten seiner Vorgänger. Die beiden wesentlichen Charakterzüge de Sades – Gewissenlosigkeit und Genialität – zeichnet der Autor anschaulich und detailreich nach. Bleibt die Frage, warum man sich dem de Sade'schen Kosmos aus Verbrechen, Wahnsinn und sexueller Schrankenlosigkeit überhaupt aussetzen soll. Reinhardt gibt darauf am Ende seines Buchs Antworten, in dem er die bleibende Bedeutung des Marquis’ in Kunst und Literatur, Kulturtheorie und Psychopathologie aufzeigt. Der "Menschenforscher" de Sade ging ins Extreme und führte damit vor, wozu die Fantasie – damals wie heute – fähig ist. Wer solche Grenzgänge zumindest ansatzweise nachvollziehen will, ohne den Blutrausch der Originalwerke ertragen zu müssen, greife zu dieser Biografie des Bösen.