Lise Meitner befand sich bereits im schwedischen Exil, als sie die verwirrenden Versuchsergebnisse Otto Hahns und Fritz Strassmanns Ende 1938 korrekt als Kernspaltung interpretierte. Zunächst selbst an den Versuchen beteiligt, hatte sie vor den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft nach Schweden fliehen müssen. Dass sie im Juli 1938 überhaupt dorthin gelangen konnte, war einer von Hahn organisierten Kooperation deutscher und ausländischer Wissenschaftler zu verdanken. Die Fäden dazu wurden im Harnack-Haus gezogen.

Der Journalist Michael Kröher widmet sich in seinem Buch der Geschichte dieser Institution, die 1929 als gesellschaftliche und wissenschaftliche Begegnungsstätte eröffnet worden war. Benannt wurde sie nach Adolf von Harnack, seit 1911 amtierender Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die zugleich Hausherrin war. Kröher präsentiert das Harnack-Haus als Dialogforum, in dem sich nicht nur bedeutende Wissenschaftler aus dem In- und Ausland, sondern auch fachfremdes Publikum und interessierte Laien trafen, um an Vorträgen, Diskussionen oder Feierlichkeiten teilzunehmen. Zu den Gästen gehörten die Nobelpreisträger Robert Millikan, Max von Laue, Walter Nernst, Fritz Haber, Albert Einstein, Werner Heisenberg, Max Planck und Otto Warburg.

Begegnungsstätte im Wandel der Zeit

Kröher beschreibt, wie aus gesellschaftlichen Konventionen, Sachzwängen und zwischenmenschlichen Begegnungen ein inspirierendes Klima gegenseitigen Vertrauens entstand. Diskussionsabende gerieten oft sehr lang, da viele Anwesende in der Nähe wohnten. Für die benachbarten Forschungsinstitute wurde ein Mittagstisch angeboten, ein Turnsaal versprach Ausgleich vom Alltag.

Im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme veränderte sich ab 1933 das Klima. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft – seit 1930 unter Leitung des Physikers Max Planck – wurde 1936 gleichgeschaltet. NS-Funktionäre gehörten nun genauso zu den Gästen im Harnack-Haus wie Teilnehmer rassenkundlicher Kurse des benachbarten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie um Eugen Fischer, sowie ab 1942 um Ottmar Freiherr von Verschuer. Zur Eröffnung des Reichsfilmarchivs war Hitler persönlich zu Gast.

Kröher verweist darauf, dass die Wissenschaftselite auf die antisemitischen Säuberungen ihrer Institute oft nur achselzuckend reagierte und sogar selbst gute Kontakte zu NS-Funktionären pflegte. Am Beispiel einer geheimen Unterredung Rüstungsminister Albert Speers mit dem Physiker Werner Heisenberg zeigt er, dass die Nationalsozialisten das Kontaktnetzwerk des Harnack-Hauses nutzten, um sich über die militärischen Möglichkeiten der Kernspaltung zu informieren.

Dennoch fand 1935 trotz Verbots eine Gedenkfeier für den im Vorjahr verstorbenen jüdischen Chemiker Fritz Haber statt. Der Medizinnobelpreisträger Otto Warburg überstand das "Dritte Reich", dank seiner Vernetzung in der Dahlemer Gesellschaft, sogar in leitender Position – trotz seiner Einstufung als "jüdischer Mischling" nach den Nürnberger Rassengesetzen und seiner Homosexualität.

Auch einige Widerstandskämpfer gingen im Harnack-Haus ein und aus: Der Politiker Ernst von Harnack, Sohn des ehemaligen KWG-Präsidenten, zählte zum Kreis um Carl Friedrich Goerdeler. Er wurde in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee erhängt. Der Jurist und Ökonom Arvid Harnack sowie seine Frau starben als Mitglieder der "Roten Kapelle" ebenfalls in Plötzensee. Erwin Planck, Sohn des Physikers Max Planck, wurde nach dem gescheiterten Attentat von Stauffenbergs auf Hitler vom 20. Juli 1944 als Mitverschwörer hingerichtet.

Im letzten Kapitel beschreibt Kröher das Harnack-Haus unter amerikanischer Nutzung nach 1945. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde es an die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) als Nachfolgerin der KWG zurückgegeben und dient heute wieder als Tagungs- und Begegnungsstätte.

Kröher legt mit seinem Buch eine gut recherchierte Institutionengeschichte für die Zeit der späten Weimarer Republik und des Nationalsozialismus vor. Sie bietet tiefe Einblicke in die wissenschaftlichen Netzwerke dieser Zeit. Zwar hätte die Zahl der Fotografien größer ausfallen dürfen, dennoch ist das Buch sehr anschaulich geschrieben. Es richtet sich an Leser(innen), die sich für die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Politik in den 1920er und 1930er Jahren und für die Reaktionen deutscher Wissenschaftler auf den Nationalsozialismus interessieren.