Im kommenden Jahr jährt sich zum vierhundertsten Mal der Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648), jener "Urkatastrophe der Frühen Neuzeit", die Europas politische und geistige Topographie brutal veränderte. Anlässlich dessen ist jetzt die deutsche Übersetzung von Peter H. Wilsons monumentalem Werk dazu erschienen (englische Originalausgabe: "Europe's Tragedy – A History of the Thirty Years War", 2009).

Auf gut tausend fesselnd geschriebenen Seiten nimmt der Oxforder Militärhistoriker die Strukturen des frühneuzeitlichen Europas in den Blick. Er fasst Ursachen, Abläufe und Wirkungen des Kriegs zusammen – vom böhmischen Ständekonflikt bis zum Westfälischen Frieden – und erläutert, welche Bedeutung der Großkonflikt für das Heilige Römische Reich und Europa hatte.

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Angesichts der komplexen Verhältnisse, die das Reich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts prägten, erläutert der Autor zunächst die Hintergründe und Ursachen, die zum Ausbruch des Kriegs führten. Monokausale und deterministische Deutungen lehnt er ab: Der Dreißigjährige Krieg sei weder ein Religionskrieg noch unausweichlich gewesen, zumal mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 ein "konfessionelles Agreement" bestanden habe, das jahrzehntelang zu einem einvernehmlichen Neben- und Miteinander von Katholiken und Protestanten beitrug. Der Krieg sei vielmehr einer Verkettung mehrerer Faktoren geschuldet gewesen, die schließlich den Weltenbrand auslösten. Wilson spricht von einem "Amalgam aus Verfassungskonflikt, Bürgerkrieg, Religionskrieg und europäischem Hegemonialkrieg", bei dem verschiedene Mächte und Gruppen um politische, dynastische und wirtschaftliche Interessen rangen.

Gewaltausbruch an allen Fronten

Im zweiten Teil betrachtet der Autor die Kriegsereignisse in weit gehend chronologischer Ordnung. Sorgfältig und kenntnisreich nimmt er die einzelnen Phasen unter die Lupe und zeigt, wie sich der anfangs auf Böhmen und andere Teile des Reichs begrenzte Regionalkonflikt allmählich internationalisierte und zu einem paneuropäischen Krieg zwischen den Großmächten Spanien, Frankreich, Schweden und dem deutschen Kaiser ausweitete. In diesen Kampf der großen Vier waren etliche weitere Konflikte verwoben, etwa der Unabhängigkeitskrieg der calvinistischen Niederlande gegen die Spanier oder der Streit zwischen Schweden und Dänemark um die Vorherrschaft im Ostseeraum.

Hochinteressant und kompetent behandelt Wilson sowohl Kriegsökonomie, -technik und -organisation als auch maßgebliche Akteure, die er ins Zentrum vielschichtiger Betrachtungen rückt: vom skrupellosen Kriegsunternehmer Wallenstein über den loyalen Fürstendiener Johann von Tilly bis zum kämpfenden König Gustav Adolf von Schweden. Er widmet sich den Akteuren, Schauplätzen und Kriegshandlungen ebenso wie der zeitgenössischen Wahrnehmung und Naherfahrung von Kriegsgewalt, schildert das blutige Leben der Söldner auf dem Schlachtfeld und beschreibt das Elend der Zivilbevölkerung in den verwüsteten und ausgeplünderten Siedlungen.

Menschenleere Regionen

Der letzte Teil befasst sich mit den politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Folgen des Kriegs. Schätzungsweise vier Millionen Menschen kamen bei dem europäischen Flächenbrand ums Leben; die Gesamtbevölkerung im Reichsgebiet von zuvor 16 Millionen ging um etwa ein Drittel zurück. Mehr als 30 große Schlachten, vor allem aber Terror, Hunger und Seuchen forderten ihren Tribut. In Teilen Süddeutschlands überlebte nur ein Drittel der Einwohnerschaft. Angesichts der immensen Verluste und der Entvölkerung ganzer Regionen waren die erschöpften Kriegsparteien schließlich bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Das Resultat war der Westfälische Frieden 1648, jenes "charaktervollste Werk der menschlichen Weisheit" (Schiller), welches die völkerrechtlichen Grundlagen für Europas Zukunft als einer Gemeinschaft gleichberechtigter souveräner Staaten schuf.

Der Autor weiß hoch komplexe Strukturen und Sachverhalte anschaulich zu vermitteln und in den Gesamtkontext einzubetten. Dies gilt für die Beschreibung beider Konfessionsbündnisse im neuzeitlichen Europa – "Union" und "Liga" – ebenso wie für die Darstellung des verschachtelten, religiös zersplitterten, politisch kleinteiligen und machtpolitisch divergierenden Heiligen Römischen Reichs. Angesichts dessen, dass der Dreißigjährige Krieg in der Gelehrtendiskussion noch bis vor Kurzem als unterbelichtet galt, vermag es Wilson sehr gut, das komplexe Geschehen des Konflikts einem größeren Publikum zuverlässig, anschaulich und auf dem aktuellen Forschungsstand zugänglich zu machen.