Das investigative Sachbuch des Biochemikers Helmut Burtscher-Schaden zum Themenkomplex Glyphosat wird die Geister scheiden, so viel ist sicher. Und zwar nicht nur, weil der Autor als Mitglied der Umweltorganisation Global 2000 zweifellos parteiisch ist: Während der zurückliegenden Jahre kämpfte er leidenschaftlich gegen eine Neuzulassung von Glyphosat und fasst seine Erfahrungen in diesem Band zusammen. Polarisierend wirkt auch das marktschreierische Cover, das mit "Top Secret"-Stempel besser zu einem Krimi gepasst hätte. Doch die haarsträubenden Umstände, unter denen das Breitbandherbizid Glyphosat seine Zulassung erhielt, sind keine Fiktion.

Als meistgenutztes Pflanzengift der Welt kommt Glyphosat praktisch überall zum Einsatz und dürfte auf unseren Tellern dauerpräsent sein. Daher gehen seine Eigenschaften uns alle an. Empfehlenswert ist das Buch für Interessierte, die sich nicht ausschließlich "bio" ernähren; für Kleingärtner, die statt jäten lieber sprühen; aber auch für politische Entscheidungsträger und vielleicht sogar für Staatsanwälte.

Kritik an der EPA

Zunächst rekonstruiert der Autor die Zulassungsgeschichte des Wirkstoffs N-(Phosphonomethyl)glycin in den USA. Der Agrarkonzern Monsanto ließ sich die Substanz in den 1970er Jahren unter dem Namen Glyphosat patentieren. Um diesen Prozess zu rekonstruieren, hat der Autor akribische Detektivarbeit betrieben und unter anderem Archivmaterial der US-Umweltbehörde EPA gesichtet. Sie soll Risiken von Chemikalien prüfen, betreibt dabei allerdings ein fragwürdiges Zulassungsverfahren, wie aus dem Buch hervorgeht. So sollen Unternehmen, die ein Produkt zwecks Verkauf genehmigen lassen wollen, dieses selbst auf mögliche Gesundheitsgefahren prüfen. Das sei eine im Großen und Ganzen ungeeignete Methode, um den Schutz der Verbraucher zu gewährleisten, schreibt Burtscher-Schaden. Von geschönten Studien, deren statistisch fragwürdiger Auswertung bis hin zu Falschaussagen und gekauften Prüfinstituten sei in der Trickkiste der Unternehmen alles enthalten.

Die EPA spielte im Falle von Glyphosat eine zwiespältige Rolle, indem sie Monsanto teils zum Nachbessern von Studien zwang, teils aber auch reihenweise Tumorbefunde aus Mausstudien "übersah". Laut dem Autor hätte die Behörde das Herbizid niemals als "nicht Krebs erregend" einstufen dürfen. Zu diesem Schluss kommt er, indem er sich neben Sekundärquellen auch Originalstudien vornimmt und deren Inhalte mit den Schlussfolgerungen der Behörde abgleicht. Möglich ist das allerdings nur bei Studien, die nach Gerichtsverfahren und behördlichen Offenlegungen frei zugänglich sind. Denn Hersteller halten ihre Daten unter Berufung auf Geschäftsgeheimnisse generell unter Verschluss.

Der zweite Teil des Buchs führt eindrücklich vor Augen, weshalb es zu kurz greift, bei derlei Vorgängen immer nur kopfschüttelnd auf die USA zu blicken. Die "Akte Glyphosat" nahm dort zwar ihren Anfang, wurde und wird aber in der EU fortgeschrieben. Wichtige Akteure sind hierbei das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), UN-Fachgremien wie das Joint-FAO/WHO-Meeting on Pesticide Residues (JMPR) und die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). Als 2012 die Glyphosat-Zulassung in der EU auslief und neu beantragt wurde, war die Studienlage bezüglich der Gesundheitsgefahren laut dem Autor so eindeutig wie nie zuvor. Neben diversen unabhängigen Laboruntersuchungen hätten mittlerweile auch zahlreiche epidemiologische Erhebungen vorgelegen. So wurden nach Glyphosat-Exposition um 70 Prozent erhöhte Fehlgeburtsraten bei Bäuerinnen beobachtet, ebenso mehr Missbildungen bei Neugeborenen und ein gesteigertes Lymphdrüsenkrebsrisiko. Hinzu kamen Analysen, die eine DNA-schädigende und somit Krebs erregende Wirkung des Herbizids belegten.

Wahrscheinlich Krebs erzeugend?

Die IARC veröffentlichte eine Zusammenschau solcher Studien und stellte sich als erste und bislang einzige namhafte Institution gegen die einschlägige Darstellung von Industrie und Regulierungsbehörden. Sie setzte sich damit massiver Kritik aus und initiierte eine politische Neubewertung der Situation. Im Kontrast dazu, schreibt Burtscher-Schaden, hatte beispielsweise das BfR die Position Monsantos teils wörtlich übernommen und seiner Empfehlung zu Grunde gelegt, das Pflanzengift weiterhin als nicht Krebs erregend einzustufen. Wie zuvor bei der EPA hätten die Mitarbeiter dabei jedoch Tumorbefunde "übersehen" und kaum eigene Auswertungen des Datenmaterials vorgenommen. Der Autor beschreibt das einschlägige Katz-und-Maus-Spiel zwischen Politik, Prüfbehörden, industrienahen Gutachtern und Lobbyisten, skeptischen Wissenschaftlern und Bürgerinitiativen.

Aus dem Buch geht klar hervor, mit welchen Strategien Konzerne wie Monsanto ihre Interessen vertreten, wer dabei aus welchen Gründen mitmischt und wieso Glyphosat beispielhaft für ein System steht, das Industrieinteressen oft über Verbraucherschutz stellt. Kurze Infoboxen stellen Hintergrundwissen ergänzend zum Haupttext bereit, leicht verständliche Grafiken illustrieren statistische Sachverhalte. Auch Zitate, Twitterkommentare relevanter Personen, ein umfangreiches Quellenverzeichnis und Ausschnitte aus Originaldokumenten sind aufgeführt. Einen zusätzlichen Service bietet die stetig aktualisierte Internetseite von Global 2000.