Der britische Soziologe Colin Crouch wurde 2004 mit seinen Arbeiten über die "Postdemokratie" bekannt. Demnach wird die (westliche) Demokratie zunehmend von der Macht großer Konzerne und Finanzinstitutionen ausgehöhlt. Die Verbreitung neoliberaler Anschauungen führte seit den späten 1970er Jahren in vielen Teilen der Welt zu einer umfassenden Ökonomisierung von Staat und Gesellschaft. Sie geht einher, so Crouch, mit einem Bedeutungsverlust von wissenschaftlichem und berufsbezogenem Wissen.

Friedrich von Hayek (1899-1992), österreichischer Ökonom und Vordenker des Neoliberalismus, unterstellte, dass der Markt eine überlegene Form des Wissens hervorbringe. "Alles Wissen, dessen ein Käufer bedarf, um eine ihn zufriedenstellende Auswahl zu treffen, wird ihm vom Markt selbst zur Verfügung gestellt. Informationen, die nicht aus dem Marktgeschehen selbst hervorgehen, sondern von Anbietern, anderen Konsumenten oder vom Staat stemmen, sind daher unnötig." Jeder Mensch handle nur nach eigenen ökonomischen Interessen; daher setzten auch Fachleute ihr Wissen immer zum eigenen Nutzen ein. Besonders Wissenschaftlern dürfe man nicht trauen. "Allein der Markt [verdient] unser Vertrauen, der kein Mensch ist und daher auch keine eigenen Interessen verfolgt."

Eine Frage des Geldgebers

Crouch belegt in seinem Buch, dass der Wissenschaftsbetrieb, aus neoliberaler Perspektive betrachtet, nicht nur unter Ideologieverdacht steht. Er wird auch von ökonomischen Interessen unterwandert. Universitäre Forschung werde immer häufiger durch Unternehmen finanziert und müsse sich folglich zunehmend an Wirtschaftsinteressen orientieren (siehe auch ""Drittmittelforschung – ein Fluch?"). Wenn Forschung sich ökonomisch nicht lohne, laufe sie Gefahr, eingestellt zu werden. Kriterien für die Qualität von Forschung liefere oft der Markt und nicht die Wissenschaftler selbst.

Diese Entwicklung macht vor den Schulen nicht halt. In Britannien etwa konkurrieren staatliche Schulen mittels entsprechender Rankinglisten und drohen vielfach privatisiert zu werden. Sie fokussieren im Unterricht oft weniger auf Wissensvermittlung als mehr auf die Beantwortung von Prüfungsfragen. In Deutschland gibt das so genannte Deep Lobbying Anlass zur Sorge: die Prägung von Kita- und Schulkindern zu künftigen Konsumenten, etwa mittels Sponsoring von Schulcomputern seitens der Hersteller.

Beispiele für die Ökonomisierung des Wissens liefert Crouch auch aus der Industrie, dem Gesundheitswesen oder dem Medienbetrieb. Oft träten hier fachliche Aspekte zugunsten finanzieller in den Hintergrund, beispielsweise in Sachen Risikovermeidung, Gesundheitsfürsorge oder um Objektivität bemühter Information. Zudem würden wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt desavouiert – besonders deutlich zu sehen an der Klimawandeldebatte in den USA. Crouch beklagt obendrein einen wirtschaftlich bedingten Verfall der Moral: "Wer 'too big to fail' ist, ist auch zu einflussreich, um zur Wahrung moralischer Grundsätze angehalten werden zu können."

Keine Zeit, sich zu informieren

Vor der Finanzkrise 2008 hätten viele Börsenakteure gar nicht gewusst, welche Risiken sie bei manchen Geschäften eingingen. Sich diese Kenntnis anzueignen, hätte Zeit gekostet, die im computergestützten Handel nicht zur Verfügung steht: ein Bedeutungsverlust des Wissens ebenso wie der Moral. "Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Dominanz der Finanzdaten […] selbstzerstörerische Folgen haben, indem sie andere Formen des Wissens verdrängt, von denen die Zukunft des ganzen Systems abhängt", schreibt Crouch. Dieselben Ratingagenturen, die maroden Banken und Staaten kurz vor dem Crash exzellente Noten ausstellten, gälten in ihrem Urteil noch heute als maßgeblich.

Von Anfang an erfasste die Ökonomisierung die staatlichen Verwaltungen, schreibt der Autor. Deren Fachkompetenz sei fortan in den Hintergrund getreten und habe wirtschaftlichen Überlegungen Platz gemacht – etwa, wie man mit Strafgefangenen Geld verdienen könne. Zugleich hatte die Privatisierung vormals staatlicher Einrichtungen einen Machtverlust politischer und damit demokratischer Institutionen zur Folge. Dies steht nicht im Widerspruch zu Crouchs Feststellung: "Die Zurückweisung von Expertenwissen und partizipatorischen Debatten führt zu einer Konzentration der Entscheidungsfindung in sehr wenigen Händen, vor allem denen von Politikern. Anstelle von Experten und Debatten stützen diese ihre Entscheidungsfindung heute auf kleine Teams handverlesener, politisch genehmer Berater." Das ist sozusagen Postdemokratie in zweifacher Hinsicht.

"Die bezifferte Welt" ist ein interessantes, aufschlussreiches Werk mit starkem politischen Einschlag. Es beleuchtet das konfliktträchtige Verhältnis zwischen Neoliberalismus und Wissenschaft aus überraschender Perspektive.