Wie sähe eine Welt ohne Glas aus? Wir nutzen das Material heute für Optiklinsen, Gefäße aller Art, als Fasern in Kleidung, Flugzeugrümpfen und Gebäudeisolierungen. Glasfaserkabel bilden das globale Rückgrat des Internet. Zweifellos zählt der Werkstoff zu den wichtigsten der Kulturgeschichte. Journalist Steven Johnson überspitzt die Bedeutung dieses Stoffs gar in der Feststellung, in einer Welt ohne Glas gäbe es keinen Fortschritt.

Johnson untersucht in seinem Buch die kultur- und technikhistorische Bedeutung von Innovationen auf sechs Gebieten: Neben dem Glas sind es die Nutzbarmachung der Kälte, die Übermittlung und Verstärkung des Schalls, die Einführung der Hygiene, die Messung der Zeit sowie die Erzeugung und Nutzung von Licht. Der Autor zeichnet nach, welche direkten, indirekten und oft überraschenden Folgeentwicklungen diese Innovationen angestoßen haben. Dabei ergeben sich regelrechte Netzwerke technischer und kulturhistorischer Evolution.

Dank Druckwerk die Sehschwäche bemerkt

Erst der von Johannes Gutenberg erfundene Buchdruck mit beweglichen Lettern, schreibt Johnson, und das hieraus entstehende breitere Angebot gedruckter Publikationen habe vielen Menschen ihre Fehlsichtigkeit bewusst gemacht. Infolgedessen habe sich der Bedarf an Brillen erhöht. Wiederum als Reaktion darauf sei es zu Weiterentwicklungen in der Optik gekommen, die zur Erfindung des Mikroskops führten, das seinerseits Erkenntnisse über den zellularen Aufbau von Organismen sowie über Krankheitserreger ermöglichte. Linsenteleskope erlaubten zudem neue Einblicke in den Kosmos, brachten Astronomie und Kosmologie voran und fanden in Spiegelteleskopen leistungsfähige Nachfolger. Für die Herstellung derer Reflektoren wurde ebenfalls Glas benötigt.

Glasspiegel, so der Autor, beeinflussten in der Renaissance zudem künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen: Sie wurden zu modischen Accessoires bürgerlicher und höfischer Gesellschaftsschichten, und sie inspirierten Künstler wie Philosophen dazu, das Individuum in den Mittelpunkt zu rücken.

Die Erfindung von Klimaanlagen erlaubte es, Kälte technisch nutz- und regulierbar zu machen. Ihr massenhafter Einsatz erleichterte es, heiße Klimazonen wie den so genannten Sun Belt der USA zu besiedeln, zu dem Florida, Texas und Kalifornien zählen. Das trug nicht nur zu einem starken Bevölkerungswachstum in den Großstädten bei. Es bewirkte auch den Zuzug zahlreicher Neubürger, wodurch sich die politischen Ausrichtungen der Staaten merklich veränderten. Und da die Zahl der Wahlmännerstimmen bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen von der Bevölkerungsgröße der jeweiligen Bundesstaaten abhängt, hatte dieses Wachstum auch Folgen für die Wahlmännerzuteilung.

Genormter Umgang mit Zeit

Weiterhin zeigt Johnson, wie Pendeluhren mit ihrem gleichbleibenden Takt das Leben vor allem in den Industriestädten beeinflussten. Schon im 18. Jahrhundert waren diese Chronometer an Arbeitsstätten, öffentlichen Plätzen und in begüterten Privathaushalten verbreitet. Sie gaben dem (Arbeits-)Tag eine neue zeitliche Struktur, da er mit ihrer Hilfe nun nicht mehr in Abschnitte für bestimmte Tätigkeiten, sondern in abstrakte Einheiten unterteilt wurde. Nebenher habe die Pendeluhr zum Aufschwung des feinmechanischen Handwerks in England geführt, welches wiederum eine Voraussetzung für die Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhunderts gewesen sei.

In feinmechanischer Tradition steht auch der Bau von Rechenmaschinen in dieser Zeit. Zu ihren frühen Entwicklern gehört der englische Mathematiker Charles Babbage (1791-1871). An seinem Beispiel zeigt Johnson, dass selbst innovative Genies in Denkschemata gefangen sein können: Babbage sei lange Zeit der Tradition von Rechenmaschinen verhaftet gewesen, die nicht mehr konnten als zählen. Später arbeitete er, gemeinsam mit der britischen Mathematikerin Ada Lovelace (1815-1852), an der "Analytical Engine", einen nie vollendeten mechanischen Computer, für den Lovelace komplexe Programme entwickelte – weshalb sie zu den ersten Programmierer(inne)n der Welt zählt.

Johnson liefert mit seinem Buch einen kenntnisreichen und detaillierten Einblick in die Technikgeschichte. Er richtet sich an Leser, die vor allem an der Dynamik und Wechselseitigkeit technik- und kulturhistorischer Entwicklungen interessiert sind. Leider hat der Band einige Schwächen: So erscheint die Auswahl der sechs vorgestellten Innovationen ein wenig willkürlich und unvollständig. Ähnliche Betrachtungen wären auch für Stahl, Elektrizität oder die Schrift denkbar. Zum anderen klammert der Autor die negativen Folgen technischer Entwicklungen weitestgehend aus. Das birgt die Gefahr, Technikentwicklung zu einer linearen Sieges- und Fortschrittsgeschichte zu verzerren.