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Keine Löwen in Venedig

Die Übergangsperiode zwischen spätem Mittelalter und früher Neuzeit ist uns weltanschaulich fremd. Dass Gottes Sprache in der Mathematik zu finden sei; dass Natur- und Selbsterkenntnis, Sinnstiftung und Ethik dem höheren Ziel der Gotteserkenntnis untergeordnet blieben; dass die Kunst zu einer universalen Welt- und Gotteserkenntnis anleiten solle – all diese Gedanken erscheinen 500 Jahre nach Albrecht Dürer (1471-1528) schwer nachvollziehbar. Umso faszinierender ist es, sich mit dem Leben und dem Umfeld dieses Ausnahmekünstlers und Mathematikers zu beschäftigen.

Der Germanist Klaus-Rüdiger Mai hat nun eine neue Dürer-Biografie vorgelegt. Sie ist faktenreich und zugleich wie eine Erzählung gestaltet. Mai beleuchtet detailliert das Leben Dürers und deutet dessen Werk; beides vor dem Hintergrund der damaligen geistigen Strömungen. So beschreibt er den Künstler als Menschen und zeichnet ein Gesamtbild von dessen Epoche. Als Leser entdeckt man viele Parallelen, aber auch zahlreiche Unterschiede zu heute. Einen Schwerpunkt des Buchs bilden die umfangreichen Beschreibungen und Erklärungen zu Dürers Bildern. Sie sind nicht nur aufschlussreich, sondern auch sehr anregend, da sie biografische, historische und theologische Perspektiven auf Dürers Werke vermitteln.

Allgegenwärtige Religion

Dürer wuchs in Nürnberg auf. Seine Eltern, sein sozialer Stand und seine Lehrzeit in der wirtschaftlich prosperierenden Stadt erwiesen sich als prägend für seine Künstlerlaufbahn. Der Einfluss Nürnbergs auf Dürers Denken ist nicht zu unterschätzen: Hier kam er im unmittelbaren Freundeskreis mit dem christlichen Humanismus in Berührung. Religiosität stand damals nicht neben dem "normalen" Leben, sondern durchdrang dieses in allen Bereichen.

Mai gelingt es, die Symbolwelten der damaligen Bilder, die heute so schwer zu verstehen sind, lesbar zu machen. Vertieft man sich in deren Zeichen, Symbole, Allegorien und Andeutungen, dann wird deutlich, wie vielschichtig Dürers Werke durchkomponiert sind. Diese Komplexität war einem großen Ziel untergeordnet: Der Suche nach dem idealen Maß, der perfekten Proportion, der vollendeten Schönheit. Denn wenn Gott alles erschaffen habe, dann müsse sich auch überall das göttliche Maß wiederfinden, so der Gedanke dahinter.

Im Sog des Buchdrucks

Das Streben nach Perfektion prägte Dürers künstlerische Entwicklung. Ständig erweiterte und vertiefte er seine Techniken. Dabei spielten auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle: Kupfer- und Holzstiche ließen sich im Druck- und Verlagszentrum Nürnberg, das dank des aufkommenden Buchdrucks florierte, gut unterbringen und verkaufen. Dürers Ehefrau Agnes kümmerte sich offenbar um die Vermarktung der Kunstwerke weit über Nürnberg hinaus, wie der Autor belegt.

Das Buch ist sowohl für Kunst- als auch Geschichtsinteressierte lesenswert, da es einen guten Einblick in das Wirken Dürers vermittelt und zugleich dessen Zeit lebendig schildert. Ansprechend wird es auch durch die zahlreichen Einzelheiten: In Venedig malte Dürer zahlreiche Tiere. Doch ausgerechnet dort, in der "Stadt der Löwen", bekam er keinen Löwen zu Gesicht. Angesichts der wunderschönen Bilder, die Dürer vom "König der Tiere" schuf, ist das nicht ohne Pointe. Amüsante Details wie diese machen das Buch sympathisch.

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