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Kampf zwischen Mensch und Tier

Der Wolf ist wieder da. Mit steigender Zahl der bekannten Rudel – 2017 schon 60 – vermehrt sich auch die Literatur über dieses neue "Problem" rasant (siehe etwa hier, hier und hier). Die zahlreichen aktuellen Publikationen betreffen fast ausschließlich die Biologie dieses Räubers, sein fantastisches Sozialleben und die Überwachung (Monitoring) seiner Ausbreitung.

Dieses Buch widmet sich ebenfalls dem Wolf, fällt aber deutlich aus dem Rahmen, indem es die damit verbundene Kulturgeschichte aufarbeitet (wenngleich dieser Aspekt in den anderen Publikationen nicht völlig außen vor blieb). Der irreführende Untertitel weckt zwar zunächst einen anderen Eindruck, indem er ein Handbuch zur Abwehr der Beutegreifer vortäuscht. Das ist es aber in keiner Weise, denn auf rund 500 Seiten berichtet der Autor ausschließlich darüber, welche gewaltigen Anstrengungen unsere Vorfahren auf sich nahmen, um den Verlust ihrer Nutztiere zu vermeiden. Dabei gingen sie manchmal mit unglaublicher Raffinesse und auch Brutalität vor. "Sie" – das waren in der vorindustriellen Landwirtschaft fast immer Angehörige der "unterbäuerlichen Schicht", also die, die am unteren Ende der sozialen Leiter standen: Schäfer und Hirten, Hüter des kostbaren Viehs der Klein- und Kleinstbauern. Über deren Alltag haben sich Historiker nie groß Gedanken gemacht.

Aber genau darüber hat der Autor jahrzehntelang geforscht und dabei eine enorme Sachkenntnis erworben. Rainer G. Schöller arbeitete als Dozent an der Bayrischen Beamtenfachhochschule (im Fachbereich Archiv- und Bibliothekswesen) und war Bibliotheksdirektor an der Bayrischen Staatsbibliothek München. Er bemerkt in der Einleitung, er wolle möglichst ohne vorgefasste Meinung den Konfliktpartnern Raubtier und Mensch gerecht werden, aber "eine gewisse Sympathie zur Kreatur Wolf … ist dem Verfasser eigen".

Gruselgeschichten über Isegrim

"Rotkäppchen" hat bis heute alles versaut. Die Wolfsangst, bis hin zur göttlichen Strafgewalt stilisiert, die sich in vielen Gruselgeschichten äußert, muss natürlich vor dem Hintergrund schlimmer Zeiten mit unermesslichem Leid – vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg – gesehen werden. Dem Wildtier wurde schließlich jede Daseinsberechtigung abgesprochen. Ein bedeutender Mann der Aufklärung und Zoologe (!), Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon (1707-1788), schrieb über das Tier: "Widerlich und unangenehm in seinen Manieren, gierig, boshaft, verschlagen, misstrauisch, gehässig in seinem Naturell, unerträglich durch seinen abscheulichen Geruch, ist er ein Schreck der Thierwelt."

Solche Argumente hört man heute wieder. Der Wolf störe das ökologische Gleichgewicht der Landschaft und gefährde den Menschen, heißt es. In jedem Lehrbuch steht, Jagd müsse sein, da der Wolf als Regulator fehle. Jetzt ist er da und muss weg? Heute argumentieren Förster ganz anders: Wo der Wolf jagt, wächst der Wald. Und sicherlich ist das ökologische Gleichgewicht durch Raps- und Maisäcker, die mit Gülle zugeschüttet werden, stärker gestört als durch Raubtiere in lächerlich kleiner Zahl.

Menschen können jedoch von Wölfen durchaus bis hin zum Tod bedroht werden. Das lässt sich nicht wegreden, und hierzu bietet das Buch eine ausgezeichnete Aufarbeitung amtlicher Quellen an, immer mit der Schilderung der genauen Umstände des Zusammentreffens. Oft traf es Kinder, denn die waren die billigsten Arbeitskräfte und die schwächsten, die man auf die Weide schicken konnte. Sicher waren auch Todesfälle durch tollwütige Tiere dabei, aber das ist nicht dokumentiert, da man die Krankheit früher nicht kannte. Der jüngste Fall dieses Jahr in Griechenland, bei dem eine Frau zu Tode kam, könnte ähnlich abgelaufen sein.

Mit allen Mitteln gegen das Raubtier

Nachdem man den Wolf seit der Landgüterverordnung Karls des Großen, "Capitulare de villis", quasi zum Staatsfeind gemacht hatte, war die Wolfsjagd eine landesherrliche Angelegenheit. Dazu wurden von hoher Stelle Wolfsjäger eingesetzt, was allerdings mit dem Risiko des Wilderns einherging. Der Erfindungsreichtum, um Wölfe zu fangen und zu töten, kannte kaum Grenzen: Pirsch, Gruben, Gift, Fangeisen, Wolfsangeln und vieles mehr. Hinzu kamen die Herdenschutzmaßnamen der Besitzer wie Personaleinsatz, Schlafverbot auf der Weide, Lärmen, Feuer, Schutzhunde, Ausheben von Höhlen mit Welpen und so weiter. Wenn das alles nichts half, kamen magische und religiöse Rituale hinzu – etwa Gebete, Hostien im Hirtenstab, Segenzettel im Stall oder das Verfahren, Sand vom Fußboden der Kirche auf den Weg zur Weide zu schütten.

Schließlich kannte man noch den "Wolfssegen zum Schutze der Menschen und der Hunde". Dieser Segen, in schriftlichen Quellen erhalten, stand besonders im Fokus von Schöllers Forschungsarbeiten, die er auf rund 120 Seiten im Anhang aufführt – eine wohl einzigartige Sammlung. Selbstverständlich enthält das Buch auch einen ausführlichen wissenschaftlichen Apparat.

Die mehr als 500 Seiten Text sind über weite Strecken ein intellektuelles Vergnügen, machen einem aber auch schonungslos und beschämend klar, wovon man – selbst als Biologe – bisher keine Ahnung hatte.

49/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 49/2017

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