Wie wird aus chemischen Botenstoffen eine Bewegung? Wie kommt unser Bewusstsein zustande? Warum erinnern wir uns an eine Telefonnummer, nicht aber an unseren ersten Geburtstag? Die komplexen Leistungen unseres Gehirns faszinieren und geben jede Menge Rätsel auf.

Die Neurobiologen Henning Beck, Sofia Anastasiadou und Christopher Meyer zu Reckendorf nehmen den Leser mit auf eine umfangreich bebilderte Entdeckungsreise in unser Nervensystem. Auf jeder Doppelseite erklären sie ein ausgewähltes Thema, von Großhirn über Kreativität bis synaptische Übertragung. Der Text ist durchweg leicht verständlich und wird durch oft großformatige, meist mehrfarbige Aufnahmen und Illustrationen unterstützt.

Ausgehend vom Nervensystem als Ganzem zoomt das Buch nach und nach an dessen einzelne anatomische, funktionelle und (sub)zelluläre Bestandteile heran. Die Autoren erläutern, welche Hirnareale und Faserbündel es gibt, wie Neurone funktionieren und in welcher Weise einzelne Bereiche zusammenwirken, um Sinneseindrücke, Bewegungen und Erinnerungen hervorzubringen oder Lernvorgänge zu ermöglichen.

Ein komplexes – und anfälliges Organ

Verästelte Neurone
© Pierre Mahou, Karine Loulier, Jean Livet und Emmanuel Beaurepaire; aus Henning Beck et al.: Faszinierendes Gehirn; mit frdl. Gen. des Verlags Springer Spektrum, Berlin und Heidelberg
(Ausschnitt)
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Auch Erkrankungen wie multiple Sklerose oder Epilepsie sowie Verletzungen sind ein Thema. Die Autoren beschreiben, wie es sich auf das Gehirn auswirkt, wenn einzelne Hirnregionen ihre Funktion nicht mehr ausüben, und zu welchem Krankheitsbild dies führt. Bei Morbus Parkinson beispielsweise verkümmern dopaminproduzierende Neurone der Substantia nigra im Mittelhirn, die Bewegungsimpulse hemmen. Dadurch verschlechtert sich die motorische Koordination und Feinabstimmung. Eine allgemeine Bewegungsarmut, Muskelzittern und -steifheit sind die Folge.

Ein kleiner methodischer Exkurs gibt Laien einen interessanten Einblick, mit welchen Werkzeugen Hirnforscher heute arbeiten. Zum Abschluss widmen sich die Autoren den derzeitigen Grenzen der Erkenntnis, von Bewusstsein bis freier Wille, was das Werk gelungen abrundet.

Als wissenschaftlich vorgebildete(r) Leser(in) wünscht man sich zu manchem Bild weitere Informationen, etwa bezüglich der Aufnahmemethode oder der sichtbar gemachten Proteine. Doch ihre Funktion, den jeweils besprochenen Sachverhalt zu veranschaulichen, erfüllen die Bilder. Die Texte erinnern nicht zufällig an die eines "Science Slams", eines pointierten, allgemeinverständlichen Vortrags, in dem Forscher ihre wissenschaftlichen Projekte vorstellen: Henning Beck wurde in dieser Disziplin 2012 deutscher Meister. Die Sprache in dem Buch ist dementsprechend sehr bildhaft – so erfahren wir, ein Zellkern sei "1000-mal kleiner als ein Smartie". Obwohl dieser Duktus etwas gewöhnungsbedürftig ist, trägt er zur leichten Lesbarkeit bei und fördert das Verständnis des komplexen Stoffs. Das Buch gibt eine gute Einführung in die Neurobiologie und lässt sich allen Interessierten empfehlen.