Kaum ist die Garantiezeit der Kamera abgelaufen, lässt sie sich nicht mehr anschalten: defekt. Brummte der Rasierapparat beim Neukauf noch wie am Schnürchen, macht sein Akku nach ziemlich genau zwei Jahren schlapp. Ersetzbar ist er nicht, da fest verbaut. Das gleiche Spiel beim Ventilator – just in dem Moment, in dem die Garantieansprüche erlöschen, frisst sich der Motor fest. Diagnose: "wirtschaftlicher Totalschaden". Fälle wie diese treten so oft auf, dass man den Eindruck gewinnen kann, da steckt ein System dahinter.

Tatsächlich ist das nicht von der Hand zu weisen. Wissenschaftler nennen das Phänomen "geplante Obsoleszenz": Ein vorgesehenes Versagen von Produkten, das uns Verbraucher dazu drängt, immer wieder neue zu kaufen. Dieser Strategie der Konzerne geht der Volkswirt und Professor für Wirtschaftspolitik Christian Kreiß in seinem Buch "Geplanter Verschleiß" auf den Grund.

Hunderte Indizien

Jeder Hersteller wird den Vorwurf gezielter Produktverschlechterung von sich weisen, und mancher mag diesen Verdacht als Spinnerei von Verschwörungstheoretikern belächeln, wie auch Kreiß anmerkt. Dennoch ist der Autor fest davon überzeugt, dass geplante Obsoleszenz täglich stattfindet, und untermauert seine gründlich recherchierten Ausführungen mit der enormen Anzahl von 427 Fußnoten, die seine Darstellungen sehr plausibel machen. Sein Buch basiert auf einem Gutachten, das er 2013 für die Bundestagsfraktion der Grünen zusammen mit dem Betriebswirt Stefan Schridde erstellt hatte.

In vier Kapiteln beleuchtet der Autor "Erscheinungsformen", "Ausmaß und Auswirkungen" sowie "Ursachen" der geplanten Obsoleszenz und bietet sodann "Abhilfen" an. Schnell wird deutlich: Neu ist das Phänomen nicht. Bereits in 1930er Jahren flog das so genannte Phoebus-Glühbirnenkartell auf. Alle großen Glühlampenhersteller hatten damals die Absprache getroffen, die Brenndauer ihrer Birnen von 2500 Stunden auf 1000 Stunden zu reduzieren. Mit durchschlagendem Erfolg: Noch Jahrzehnte später wurde auf Glühlampenverpackungen die 1000-stündige Brenndauer als Referenz angegeben.

Geplante Obsoleszenz beschränkt sich jedoch nicht auf gewollte Produktdefekte. Wie Kreiß detailliert ausführt, fallen darunter ebenso funktioneller und psychologischer Verschleiß. Demnach können Produkte auch obsolet werden, indem sie zunehmend als veraltet und unmodern empfunden werden. Damit reißt der Autor ein enorm großes Thema an. Eingehend betrachtet er die Rolle der Werbung, hinterfragt das Walten der Medien, beklagt sich über intransparente Märkte und nimmt Befunde von Wirtschaftswissenschaftlern unter die Lupe. Dabei bleibt er durchweg verständlich und in seiner Argumentation nachvollziehbar, auch wenn er sich stellenweise vom eigentlichen Thema des Buchs löst und weitere Formen des Verbraucherbetrugs erörtert.

Enormer finanzieller Schaden

In einem eigenständigen Kapitel stellt der Autor Berechnungen dazu an, welchen volkswirtschaftlichen Schaden der geplante Verschleiß anrichtet. Für den Laien sind die Zahlen schwer zu prüfen. Stimmen sie aber auch nur ungefähr, dann werden deutschen Verbrauchern durch die perfiden Methoden der Konzerne jährlich mehr als 100 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer könnte demnach jährlich 14 zusätzliche Tage bezahlten Urlaub nehmen, gäbe es die absichtliche Produktermüdung nicht. Grund genug für Kreiß, im letzten Kapitel mögliche Abhilfen vorzustellen.

Diese lesen sich spannend, doch man muss schon reichlich optimistisch sein, um den Utopien des Autors zu folgen. Kreiß’ Überlegungen laufen auf eine Gesellschaft hinaus, die nicht auf das Wirtschaftswachstum schaut, Werbung per Gesetz massiv einschränkt, auf einer verpflichtenden Kennzeichnung von Geräten mit "geplanter Lebensdauer" besteht und Medien von staatlicher Seite so stark unterstützt, dass sie weitestgehend auf Werbeeinnahmen verzichten können. Der Autor zeichnet das Idealbild einer entschleunigten Welt, in der Produkte nicht weggeworfen, sondern repariert werden. Einer Gesellschaft, die – zu diesen pathetischen Abschlussworten versteigt er sich unnötigerweise – auf dem Weg zu mehr Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sei.