Heute muss das Entfernen von Weisheitszähnen nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Zumal, wenn der Patient das Glück hat, einem Zahnarzt wie Hubertus von Treuenfels zu begegnen. Wer bei Treuenfels den Mund aufmacht, gewährt jedenfalls tiefere Einblicke in seine körperlich-psychischen Befindlichkeiten als andernorts üblich. Es gibt nämlich Zusammenhänge, die von den Zähnen bis hin zu den Zehen reichen. Kein anderes Organ ist gleichzeitig an so vielen Funktionen – und somit auch Fehlfunktionen – des menschlichen Organismus beteiligt wie der Mund. Um so erstaunlicher, dass es bislang kaum einen Gesundheitsratgeber gibt, der dieses faszinierende und immer noch weit gehend unbekannte Wechselspiel von Mund, Körper und Psyche behandelt. Dieses empfehlenswerte Buch schließt die Lücke.

Treuenfels betreibt eine Praxis für Systemische Kieferorthopädie (SKFO) und Kiefergelenkserkrankungen. Er hält weltweit einschlägige Vorträge und hat einen Lehrauftrag für Kieferorthopädie und Kiefergelenkserkrankungen an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. Für ihn ist der Mund vor allem eine Schleuse zwischen Innen und Außen. In der Tat, der Mund – genauer gesagt der gesamte Oronasalraum – bestimmt über die Atmung jeden Moment unseres Lebens. Wenn wir lernten, diese Funktion aktiv zu steuern und zu pflegen, könnten wir gezielt Beschwerden und Erkrankungen im gesamten Körper vorbeugen und heilen, schreibt der Autor.

Körperöffnung mit vielen Facetten

In sechs Kapiteln erläutert der Kieferorthopäde, wo der Mund stammesgeschichtlich herkommt, welche Funktionen er ausübt, wie Mund und Psyche zusammenhängen, was die häufigsten einschlägigen Krankheiten und Fehlfunktionen sind und welche Übungen vorbeugend oder heilend wirken. Abschließend beantwortet er oft gestellte Fragen rund um den Mund – quasi als Kurzfassung der vorangegangenen Kapitel. Das Spektrum reicht dabei von Daumenlutschen über Nägelkauen bis hin zu Herpesbläschen und Weisheitszähnen. Auch wie sich Polypen, Mundgeruch oder Schnarchen vermeiden lassen, erfahren die Leser. Treuenfels vermag überzeugend zu erklären, wie und warum wir atmen, saugen, kauen oder schlucken. Zudem veranschaulicht er, was es eigentlich bedeutet, wenn wir husten, niesen oder gähnen und was genau passiert, wenn wir sprechen, singen, lachen, weinen oder küssen.

Der Autor lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Oralfunktion ist immer auch eine Vitalfunktion. Der Mund ist sowohl ein Raum des Lebens als auch des Erlebens. Paradebeispiel dafür ist die Atemfunktion. Richtiges Atmen ist vor allem eine Sache der (Körper-)Haltung. Denn beim Atmen sollte der Mund tunlichst geschlossen bleiben, wie Treuenfels betont. Nur zu leicht drohe nämlich sonst eine Haltungsschwäche zur Leistungsschwäche zu werden. "Die Mundatmung ist heutzutage die unmittelbarste und verbreitetste Funktionsschwäche des Menschen."

Da Atmung viel mit Zellatmung zu tun habe – Stichwort: Mitochondrien –, sei nasale Tiefenatmung besonders wichtig. Als dauerhafte Grund- und Ruheatmung hingegen schwäche Mundatmung unsere Gesundheit oder schade ihr sogar. Sie könne als eine Art "Nasenklappenfehler" betrachtet werden, der wie ein Herzklappenfehler letztlich fatale Folgen habe. Schmutzpartikel, Pollen, Bakterien, Viren und andere Keime seien jedenfalls gefährlicher, wenn sie über den Mund in den Körper gelangen.

Problematische Abkürzung

Wer über den Mund atmet, verkürzt den Atemweg. Und das bringt nur in bestimmten Ausnahmesituationen unbestreitbare Vorteile. Normalerweise bietet die Nasenatmung den besseren Luftweg. Denn sie verlangsamt und verlängert den Atemstrom, sodass sich das Atmen vertieft und das Lungenvolumen vergrößert. Neben einer Filterung, Durchfeuchtung und Vorerwärmung der Luft verschafft die Passage durch die verschlungenen Nasenhöhlen dem körpereigenen Abschirm- und Nachrichtendienst mehr Gelegenheit, körpereigene Immunreaktionen zu aktivieren. Kurz, Nasenatmung schützt und sensibilisiert.

Ähnlich plausibel erklärt Treuenfels, warum Zähneknirschen zu Rückenschmerzen führen kann oder warum Kopfschmerzen beziehungsweise Hörprobleme oft vom Mund ausgehen. Denn Körperbewegungen, selbst wenn wir nur kauen, machen nicht einfach an einer Knochenwand oder einem Gelenk halt. Stets bilden sich Kraftlinien aus, sogenannte Muskelketten, die sich je nach Haltung von Kopf bis Fuß erstrecken können. Das hat überraschende Konsequenzen: Wer gut schluckt, hört in der Regel auch besser; und wer dazu noch gut kaut, knirscht weniger mit den Zähnen.

Der Kieferorthopäde vertieft seine Darstellungen, die mit erfreulich wenig Fachjargon auskommen, immer wieder anhand verblüffender Fallbeispiele aus seiner jahrzehntelangen Berufspraxis. Zudem schlägt er zahlreiche Übungen vor, die oft mit einfachsten Mitteln große Wirkung entfalten. Das Buch bietet daher viel Hilfe zur Selbsthilfe.

Gern hätte man Treuenfels' gelungenes Werk schwarz auf weiß gelesen. Doch der Verlag bevorzugt – gewiss ohne augenärztliches Attest – blaugrünliche Schrift auf vergilbtem Grund, was das Lesevergnügen schmälert. Mit dem reißerischen Titel indes hat er den Mund nicht zu voll genommen: Das Buch bietet fesselnde Lektüre, bei der einem mitunter vor Verblüffung der Mund offen steht – wissend, dass Nasenatmung gesünder ist.