Zufälle gibt’s – wenn es denn welche sind. Kürzlich schrieb der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Göttert in dem Buch "Abschied von Mutter Sprache" (siehe SdW 12/13, S. 99), die Befürchtung, das Deutsche werde vom Englischen niedergewalzt, sei übertrieben. Jetzt, nur wenige Monate später, legt der Romanist und Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant ein "Plädoyer für Europas Sprachen" vor – gibt darin aber die Sache, für die er eintritt, im Grunde schon für verloren.

Die Erschaffung des Einheitsmenschen

Politische Bekenntnisse zur Mehrsprachigkeit, so Trabant, seien nur Sonntagsredenprosa; gemeint sei letztlich immer nur Einsprachigkeit: Englisch. Was uns Deutschen und anderen Europäern bevorstehe, sei die Diglossie, also die gesellschaftliche Zweisprachigkeit, in der wichtige Diskurse in Wissenschaft oder Wirtschaft in einer "Weltsprache" (Englisch natürlich) geführt würden, während einheimische Sprachen nur noch in privatem Kontext gepflegt und darum auf lange Sicht aussterben würden. Als symptomatisch dafür könnte gelten, dass der Autor bis 2008 als "Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität Berlin" firmierte, heute aber als "Professor of European Multilingualism" an der "Jacobs University Bremen" lehrt.

So also das düstere Bild, das Trabant von unserer sprachlichen Zukunft malt – zu düster, will mir scheinen. Seine Aussage, das Deutsche sei eine verschwindende kleine Sprache "wie das Bretonische und Okzitanische", ist wohl auch dann überzogen, wenn man nicht die Zahl der Sprecher, sondern den Willen zur "Bewahrung des Deutschen in hohen Diskursen" zum Maßstab nimmt. Im Übrigen finden besagte "hohe Diskurse" nicht nur in Wissenschaft und Wirtschaft statt, sondern auch in Schulen, auf Ämtern oder vor Gerichten. Davon, dass dort bald kein Deutsch mehr gesprochen werden soll, ist keine Rede. Genau das wäre aber der Fall, wenn der von Trabant gewählte historische Vergleich, die französische Revolution, zutreffen würde: Die Akteure dieses Umsturzes betrieben die sprachliche Gleichschaltung Frankreichs recht brachial.

Noch wird synchronisiert

Hierzulande wird englischsprachige Literatur nach wie vor ins Deutsche übersetzt, englischsprachige Film- und Fernsehproduktionen immer noch synchronisiert. Trabant räumt selbst ein, dass im skandinavischen Raum im Berufsleben viel stärker auf das Englische zurückgegriffen werde, was aber beispielsweise die Schweden bislang nicht dazu bewogen hat, ihre Sprache aufzugeben. Soll man also Trabants Plädoyer abhaken als apokalyptisches Raunen eines Professors jenseits der Pensionierungsgrenze, der den Bedeutungsverlust seines geliebten Französisch nicht so recht verwinden kann?

Nein. Denn Trabant nimmt zielsicher die blinden Flecken aktueller Muttersprachen-Diskussionen ins Visier, wie es vermutlich nur einer kann, der in der Historie des Sprachdenkens so versiert ist wie er. Überzeugend legt er dar, dass Sprachen mehr sind als "transnationale Ressource in einer globalisierten Welt", wie Vertreter des "sprachsoziologischen Kapitalismus" behaupten. Laut Trabant stellen regionale Sprech- und Schreibweisen nicht nur oberflächlich verschiedene Manifestationen einer universellen Sprache dar, sondern haben je eigene Weltsichten, Konzeptualisierungen und Denkweisen im Gepäck, deren Verlust ein "intellektuelles Desaster" wäre. Es komme nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern wesentlich auch, wie es gesagt wird. Demnach sitzen die großen Sprachvereinfacher und -vereinheitlicher einem Irrtum auf, wie der Autor schreibt, wobei er beeindruckend viele Zeugen aus Philosophie und Linguistik als Beleg anführt.

Eine Sprache können – oder sie sprechen?

Besonders anregend erscheinen Trabants Ausführungen zur Mehrsprachigkeit, für die sich auch schon Göttert ausgesprochen hatte. Ihr Wert bestehe eben gerade nicht darin, eine Sprache quasi muttersprachlich zu erlernen und dann locker darin parlieren zu können, wie es dem Ideal heutiger Fremdsprachendidaktik entspricht. Wertvoll sei an der Mehrsprachigkeit vielmehr, sich der Mühe zu unterziehen, andere in ihrer Fremdheit zu verstehen. Und das bedeute: weniger selbst reden und mehr zuhören sowie lesen. Dass man auf Deutsch von jemandem sagt, er "könne" eine Sprache, auf Englisch aber, er "spreche" sie, ist in diesem Zusammenhang nicht ganz belanglos.

Eine Mehrsprachigkeit, die nur zum Ziel habe, sich europaweit eine Pizza bestellen zu können, sei keine, wie der Autor schreibt. Denn dafür reiche in der Tat das Englische aus. Trabant schwebt eine "hermeneutische" Mehrsprachigkeit vor, die sich des Englischen für praktische Belange und für berufliche Zwecke bedient, zusätzlich aber eine weitere Sprache als "langue fraternelle", als "Herzenssprache" pflegt – als kulturelle Aneignung über reine Kommunikationsbedürfnisse hinaus. Das entspricht in mancher Hinsicht dem alten Ideal des Bildungsbürgertums.

Kulturelle Anpassung durch Einheitssprache – oder sprachliche Anpassung durch Einheitskultur?

Trabant beharrt auf dem Wert literarischer Traditionen, doch fragt man sich, ob diese heute wirklich noch kulturelle Identitäten begründen, und wenn ja, für wen. Möglicherweise folgt die sprachliche ja nur aus einer kulturellen Vereinheitlichung. In diesem Fall wäre, was der Autor vorschlägt, gewissermaßen bloß ein Kurieren von Symptomen. Dass jedenfalls seine Vorstellung europäischer Mehrsprachigkeit kaum flächendeckend durchzusetzen sein wird, weiß er. Daher rührt auch sein Pessimismus. Doch unabhängig davon, ob er mit seinen düsteren Prognosen Recht behält oder nicht: Lesenswert ist sein in schlichter Eleganz, mit zartem Zynismus abgefasstes Plädoyer unbedingt.