Wer sich unter Ernährungs- oder Diätratgebern umsieht, stößt unweigerlich auf Buchtitel wie "Low Carb für Einsteiger – so lecker kann Abnehmen schmecken", "Schlank mit Low Carb" oder "Low Carb Abnehmen: 200 Low Carb Rezepte für den Zauberkessel". Liefert ein Verzicht auf kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel wie Brot und Nudeln das heiß ersehnte Universalrezept für einen gesunden und schlanken Körper? Mitnichten, schreibt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop, der in seinem Buch "Gute Carbs" scharf mit diesem Trend abrechnet und Pasta &. Co von ihrem Ruf als Dickmacher freispricht.

Der Autor legt zunächst den Finger in die Wunde der Ernährungswissenschaft (Trophologie), die fast ausschließlich mit Beobachtungsstudien arbeitet, aus denen sich zwar mögliche Zusammenhänge ableiten lassen, aber kaum Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Daher ist die Aussagekraft ernährungswissenschaftlicher Studien zwangsläufig begrenzt. Um dies zu illustrieren, führt Knop beispielhaft Untersuchungsergebnisse an, die allgemein verbreiteten Meinungen zum Thema Ernährung entgegenlaufen. So legen zwei aktuelle Studien nahe, dass sowohl Jugendliche als auch Erwachsene, die regelmäßig Schokolade konsumieren, tendenziell weniger Gewicht auf die Waage bringen als solche, die sich der süßen Verführung enthalten. Ähnliche Beobachtungen gebe es in Bezug auf Fast Food. Das ist das Paradebeispiel für den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität: Übergewichtige dürften in dem Versuch, ihre Kalorienzufuhr zu reduzieren, zuerst bei den offensichtlichsten Dickmachern sparen, also Schokolade und Fast Food – weshalb es nicht überraschend wäre, wenn sie diese seltener konsumierten als Normalgewichtige.

Fehlende Belege

Wenngleich Knop ernährungswissenschaftlichen Studien im Allgemeinen kritisch gegenübersteht, beruft er sich im weiteren Verlauf seines Werks überraschend stark auf Untersuchungen, denen zufolge eine kohlenhydratarme Ernährung keine Vorteile bringt. So scheint das Risiko, an der häufigsten Todesursache in Deutschland zu sterben, einer Herz-Kreislauferkrankung, in keinerlei Zusammenhang zu stehen mit dem Anteil der Kohlenhydrate am Speiseplan. Auch therapeutische Effekte einer kohlenhydratarmen Ernährung bei Diabeteskranken hätten sich bisher nicht nachweisen lassen. Krebskranken raten Experten sogar ausdrücklich von einer kohlenhydratarmen "Krebsdiät" ab, um dem geschwächten Körper nicht noch zusätzlich einen Verzicht auf energiereiche Nahrungsmittel zuzumuten.

Ausführlich erörtert das Buch auch die Aussichten auf langfristige Gewichtsreduktion durch das Low-Carb-Prinzip. Diese soll angeblich auf einer Umstellung des Zuckerstoffwechsels und einer intensiveren Fettverbrennung beruhen. Zwar verlieren viele Personen, die sich einer kohlenhydratarmen Diät unterziehen, in den ersten Monaten einige Kilos, was sich wohl in erster Linie durch Wasserverlust begründen lässt. Allerdings existieren dem Autor zufolge bisher keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es Low-Carb–basierten Diäten anders ergeht als den meisten Versuchen der Gewichtsreduktion durch Ernährungsumstellung: In der überwiegenden Mehrheit scheitert der langfristige Erfolg am berüchtigten Jo-Jo-Effekt.

Streitbares Gegengewicht

Knop nutzt die aktuelle Aufregung um "Low-Carb", um auch die Vorteile anderer Ernährungstrends zu relativieren – von Paläodiät bis Veganismus. Dabei geht er so weit, dass er sogar die gesundheitlichen Vorteile einer Obst- und gemüsereichen Ernährung infrage stellt, und endet mit dem Fazit, am besten solle jede(r) essen, was schmeckt. Diese Pauschalisierung lässt sich im besten Fall als absichtlich streitbares Gegengewicht zu den unseriösen Versprechen diverser Ernährungs-Gurus auslegen, wofür auch der humorvolle Schreibstil spricht. Der Autor arbeitet mit Reimen und originellen Wortneuschöpfungen wie "Low-Carb-Powersellerfraktion", mit der er gehörig abrechnet. Zu allen Studien, die er zitiert, gibt er dankenswerterweise die Originalquellen an.

Als bewusste Provokation mit wahrem Kern bildet das Buch sicherlich eine sinnvolle Ergänzung zu steil formulierten Ernährungsratgebern. Um als einziger Leitfaden bei diesem Thema zu dienen, ist es allerdings zu einseitig.