Kaum jemand lässt sich heute gern als "Banause" bezeichnen. Dieser abwertende Begriff ist Menschen vorbehalten, denen man das Verständnis für Kunst und Kultur abspricht. Historisch hatte er allerdings eine ganz andere Bedeutung: "bánausos" bezeichnete im antiken Griechenland den Beruf des Handwerkers. Doch stand bereits für altgriechische Philosophen, etwa Platon und Aristoteles (5./4. Jh. v. Chr.) die handwerkliche Tätigkeit in einem Gegensatz zur Arbeit philosophisch und politisch tätiger Menschen. Nach Erkenntnis zu streben und sich rhetorisch für das Wohl der Polis einzusetzen, bewerteten sie ungleich höher als manuelle Verrichtungen, da der Zweck der Geistestätigkeit in sich selbst liege, während handwerkliche Arbeit an einen (niedrigen) äußeren Sinn gebunden sei, etwa den Nutzen der hergestellten Produkte.

Der Wissenschaftstheoretiker Peter Janich, emeritierter Professor für Systematische Philosophie der Philipps-Universität Marburg, zeigt im vorliegenden Buch, welche historischen Spuren diese Geringschätzung hinterlassen hat, insbesondere in den Wissenschaften. Noch heute würden Naturwissenschaftler sozial höher bewertet als Ingenieure. Der Autor kritisiert diese verbreitete Sichtweise und belegt, wie ungerechtfertigt sie im Grunde ist. In Anlehnung an die Bezeichnung "Handwerk" konstruiert er die des "Mundwerks". Damit möchte er die Arbeit des Wissenschaftlers charakterisieren, der Forschungsergebnisse interpretiert, Modelle und Theorien entwickelt und diese kommuniziert. Das Begriffspaar Hand- und Mundwerk steht auch für den alten Konflikt zwischen Praxis und Theorie.

Werkeln für die Erkenntnis

Laut Janich gewinnen Physiker oder Chemiker ihre Versuchsergebnisse mit Hilfe von Geräten, die in der Regel Ingenieure konstruiert und Techniker hergestellt haben. Zudem sei zur korrekten Bedienung dieser Apparate handwerkliches Wissen erforderlich. Naturwissenschaftler seien mithin unausweichlich auf handwerklich-technische Fähigkeiten angewiesen. Dies insbesondere, wenn sie (wie in der Geschichte oft geschehen) ihre Apparaturen und Laborutensilien selbst herstellten.

Chemie etwa wäre ohne die handwerkliche Bearbeitung von Stoffen genauso wenig denkbar wie Biologie ohne das Praxiswissen und die tägliche (Hand-)Arbeit von Pflanzen- und Tierzüchtern. Charles Darwin (1809-1882), der mit seinen Beiträgen zur Evolutionstheorie die Biologie entscheidend prägte, griff für sein Jahrhundertwerk "On the Origin of Species" ("Über die Entstehung der Arten") auf die Erkenntnisse von Tierzüchtern zurück. Die Physiologie wiederum hat laut Janich immer wieder von Denkansätzen profitiert, die tierische wie pflanzliche Organe als Werkzeuge und die Organismen selbst als komplexe Maschinen auffassten. Die Informationswissenschaften schließlich basierten auf Techniken zur Verschriftlichung, Signalübertragung und Datenverarbeitung.

Es wäre zu kurz gegriffen, im Hinblick auf Janichs Werk von einer "Ehrenrettung" handwerklich-technischer Tätigkeit zu sprechen. Der Autor stellt vielmehr deren fundamentale Bedeutung beim Herstellen neuen Wissens heraus. Technik und Naturwissenschaft, schreibt er, seien immer in den zeitgenössischen gesellschaftlichen Kontext eingebunden und existierten nie für sich allein. Das gesellschaftliche Umfeld bilde den Rahmen der Wissensproduktion, und die (fließenden) Grenzen empirischer Forschung sieht Janich in den sich ständig ändernden Beschränkungen technischer Machbarkeit.

Das Buch ist nicht gerade leicht verständlich. Es führt interessierte Leser tief in die Wissenschaftsphilosophie ein und beleuchtet das komplexe kulturgeschichtliche Zusammenspiel von Wissenschaft und Technik, Theorie und Praxis. Angesichts des oft postulierten Zwecks der reinen Grundlagenforschung, nämlich herauszufinden, "was die Welt im Innersten zusammenhält", kann Janichs Fazit durchaus am Selbstbild von Naturwissenschaftlern kratzen: Dieses Ziel sei ohne handwerkliche Praxis gar nicht erreichbar.