Zu Beginn des 5. vorchristlichen Jahrhunderts steckte Griechenland in der Krise. Die Perser fielen ein – zunächst unter Dareios I. (549-486 v. Chr.), dann unter Xerxes I. (519-465 v. Chr.). Die griechische Kriegspropaganda stellte die Invasoren als kulturlose Barbaren dar, welche die freie Welt bedrohten und unter die Despotie ihres Großkönigs zwingen wollten. Es gelang, die persische Gefahr abzuwenden, doch führte dies keineswegs zu Frieden in der Poliswelt. Denn Athens politisch-militärische Macht war im Zuge des Abwehrkampfs stark gewachsen und derjenigen Spartas ebenbürtig geworden. So entstand eine gefährliche Konkurrenz zwischen beiden Stadtstaaten mit ihren jeweiligen Verbündeten. Sie eskalierte ab 431 vor Christus im Peloponnesischen Krieg und endete 27 Jahre später mit der athenischen Niederlage.

Die griechischen Geschichtsschreiber Herodot von Halikarnassos (5. Jh. v. Chr.) und Thukydides (5./4. Jh. v. Chr.) zählen mit ihren Werken zu den bedeutenden Chronisten dieser Zeit – und überhaupt zu den ersten, die historische Ereignisse wissenschaftlich dokumentierten. Herodot war ein Freund des athenischen Politikers Perikles, Thukydides hatte als athenischer Flottenkommandant am Peloponnesischen Krieg teilgenommen.

Partei für Athen

Im vorliegenden Werk unterzieht der Historiker Wolfgang Will deren Geschichtswerke einer kritischen Betrachtung. Zunächst führt er in die Geschichte der Perserkriege und des Peloponnesischen Kriegs ein und umreißt die Biografien beider Männer. Anschließend hinterfragt er, aus welchen Motiven heraus sie das Zeitgeschehen festhielten, welche Methoden sie dabei anwendeten und wie sie mit historischen Quellen umgingen. Zudem untersucht er die Sprache ihrer Texte und den Entstehungsprozess ihrer Werke, der nicht restlos geklärt ist.

Will belegt, dass Herodot die Absicht hatte, bedeutende Taten zu würdigen, etwa den athenischen Sieg gegen die Perser. Thukydides dagegen habe sein Geschichtswerk ausdrücklich in Konkurrenz zum berühmten Herodot verfasst und dabei argumentiert, dass er mit dem Peloponnesischen Krieg die größere und wichtigere Auseinandersetzung beschreibe. Offensichtlich trieb auch ihn das Motiv um, eine athenische Siegesgeschichte zu schreiben. Aus dieser Perspektive heraus erklärt sich, warum er die (athenische) Freiheit der (spartanischen) Unfreiheit so betont gegenüberstellte. Die Regierungszeit des Perikles erschien Thukydides als politisches Ideal.

Bröckelndes Feindbild

Jedoch hielten weder Herodot noch Thukydides die Konfliktlinien zwischen "Freiheit" und "Unfreiheit" beziehungsweise "Kultur" und "Barbarei" konsequent durch. Herodot, dem die persische Sicht nicht unbekannt war, argumentierte mittels völkerkundlicher Exkurse und eingefügter Anekdoten, es handle sich bei den Persern keineswegs um Barbaren, sondern um eine hochstehende alte Kultur. Thukydides wiederum scheint später erkannt zu haben, dass die verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen Athen und Sparta, die sich ab 431 vor Christus ergaben, zu einem einzigen großen Konflikt gehörten. Von dessen Sinn war er nach Jahren des grausamen Schlagabtauschs nicht mehr überzeugt. Seine Darstellung des Peloponnesischen Krieges endet zudem bereits 411 vor Christus und bleibt damit Fragment.

Beide Werke gelten heute als Klassiker der frühen griechischen Geschichtsschreibung, doch das von Herodot wurde bereits in der Antike als wesentlich bedeutungsvoller erachtet. Denn nach der verheerenden Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg habe man sich lieber an die siegreichen Kämpfe gegen die Perser erinnert als an den eigenen traumatischen Untergang gegen Sparta.

Wills Buch beleuchtet die konfliktreiche Zeit Griechenlands im 5. vorchristlichen Jahrhundert und befasst sich kritisch mit den Anfängen der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Es eignet sich für alle an diesen Themen Interessierten.