"Wer zu viel braucht, hat zu viel." – Der deutsche Bauingenieur und Aphoristiker Erhard Horst Bellermann (*1937) schlägt mit diesen Worten in die Kerbe der Konsumkritik, die besonders seit der Weltwirtschaftskrise 2008 sehr beliebt ist. Angesichts des Wohlstands, in dem die Menschen der westlichen und zunehmend auch der östlich/fernöstlichen Welt leben, liegt der Gedanke nahe, den Konsum als solchen anzufechten, da er in dem Ruf steht, mehr oder minder alle großen Probleme dieser Welt zu verursachen.

Eine solche Kritik vorzutragen, ohne die einschlägigen historischen Zusammenhänge zu verstehen, läuft allerdings Gefahr, zu ideologisieren. Das Werk "Herrschaft der Dinge" von Frank Trentmann versucht, der Debatte ein neutrales Fundament zu geben. Durch den gewaltigen Umfang von rund 1050 Seiten und durch wissenschaftlich-distanzierte Vorgehensweise vermittelt der Autor tatsächlich jenen anspruchsvollen historischen Überblick, den eine differenzierte Betrachtung des medial aufgeladenen Themas erfordert.

Trentmann, der mit Forschungsschwerpunkt Konsum am Birkbeck College in London lehrt und unter anderem Preisträger des Humboldt-Forschungspreises ist, schreibt gleichermaßen für Laien wie für ausgebildete Historiker. Es scheint allerdings fraglich, ob Fachfremde sich an einen solch mächtigen Band trauen.

Auf den Spuren Humes und Smiths

Dabei ist der Umfang durchaus berechtigt. Im ersten Teil führt Trentmann durch die Geschichte des Konsums und der damit verbundenen Phänomene, etwa des Marketings. Er nimmt hier eine globale Perspektive ein und legt ein besonderes Augenmerk auf die Rolle verschiedener Ideologien, Religionen und Kulturen. Als Beispiele für vorindustriellen Konsum präsentiert der Historiker die italienische Renaissance oder die chinesische Ming-Dynastie – was die Behauptung entkräftet, der heutige Konsumrausch sei ein Phänomen der Industrialisierung und des Kapitalismus. Trentmann relativiert dies allerdings ein wenig, wenn er von der Bedeutung britischer Philosophen wie David Hume (1711-1776) und Adam Smith (1723-1790) für eine sich entwickelnde "dynamische, innovative Konsumkultur" im 17. und 18. Jahrhundert schreibt.

Wie breit das Buch angelegt ist, wird besonders im zweiten Teil deutlich, in dem der Autor aktuelle Debatten hinterfragt. Hier stellt Trentmann sowohl kritische Stimmen (Der Konsum zerstöre unsere irdischen Lebensgrundlagen) als auch optimistische Argumente (Der freie Konsum reiße Klassen- und Geschlechterbarrieren nieder) auf den historischen Prüfstand. Besonders gut gelingt es ihm, die Beziehungen von Konsum, Gesellschaft, Politik und anderen Aspekten des modernen Lebens zu entwirren.

Durch sorgfältige Recherche und minutiöse Quellenangaben schafft der Autor Vertrauen in sein Werk. Die Abhandlung ist sinnvoll und durchdacht gegliedert und gibt an einigen Stellen sinnvolle Ausblicke. Besonders interessant ist das Buch wegen seines diskursanalytischen Ansatzes: Es leistet nicht nur einen Beitrag zur Konsumdebatte, sondern analysiert auch, wie diese geführt wird.

Hintergründiger Humor

Trentmann bleibt allerdings nicht immer ganz neutral. An manchen Stellen stehen Formulierungen wie "Dieses Buch ist eine Geschichte der Nachfrage nach immer 'mehr'", die den Eindruck erwecken, der Autor könne sich trotz Anführungszeichen nicht komplett von den negativen Konnotationen mancher Begriffe lösen. Auch erscheint sein hintergründiger Humor, der sich mancherorts ein Augenzwinkern beim Beschreiben einer These nicht verkneifen kann, gelegentlich unangebracht.

Dennoch ist der Leser mit diesem monumentalen Werk gut beraten. Es vermittelt einen soliden Überblick über die Geschichte des Konsums, der auch Lesern mit Vorwissen noch Neues bietet. Der Versuch, aus einer seit langem ideologisierten Debatte auszubrechen, gelingt. Angesichts des Themas ist das eine achtenswerte Leistung, die in der heutigen Zeit des Wirtschaftsprotektionismus, der Wissenschaftsskepsis und nicht zuletzt der Globalisierung nicht mehr selbstverständlich ist.