"Wir Menschen sind eine extrem potente und von Grund auf gute Spezies. Deswegen sind wir auch in der Lage, die größten Probleme unserer Welt in den Griff bekommen". Auf den ersten Blick wirkt die These, die Philosoph Michael Schmidt-Salomon in seinem jüngsten Werk "Hoffnung Mensch" vertritt, provokant, absurd und bestenfalls naiv. Hat nicht der neueste IPCC-Bericht gerade enthüllt, dass wir es verpasst haben, die anthropogen verursachte Klimaerwärmung auf ein überschaubares Maß zu begrenzen? Zeigen die aktuellen Konflikte in Syrien, Zentralafrika oder der Ukraine etwa nicht, wie sehr wir zur Gewalt neigen? Ist es nicht offensichtlich, dass wir aufgrund destruktiven Verhaltens uns früher oder später die Lebensgrundlagen entziehen werden?

Schmidt-Salomon ignoriert die aktuellen Probleme in der Welt zwar nicht. Allerdings bezieht er sie erst im letzten Drittel des Buchs in seine Diskussion ein. In den Abschnitten davor holt er weit aus und erzählt viele Geschichten, mit denen er eine versöhnliche, ja bewundernde Perspektive auf die Menschheit eröffnen möchte.

Bildung fördert friedliches Zusammenleben

Der Autor beginnt mit der Geschichte des Humanismus. Für dessen Urvater, den römischen Staatsmann Cicero (106-43 v. Chr.), verknüpfte der lateinischen Begriff "humanitas" zwei Eigenschaften miteinander: Cicero verstand darunter einerseits Menschlichkeit – nicht zuletzt im Sinne von Milde gegenüber Kriegsgegnern – und andererseits Gelehrsamkeit. Dass Bildung und wissenschaftliche Erkenntnis ein friedvolles Miteinander der Menschen wesentlich begünstigen, diese Überzeugung findet sich auch im modernen Humanismus wieder, für den beispielsweise der englische Philosoph Julian Huxley (1887-1975) stand, der erste Generaldirektor der UNESCO.

In den folgenden Kapiteln umreißt Schmidt-Salomon die Geschichte der Naturwissenschaften sowie der Medizin. Auch auf die Kulturgeschichte der Musik geht er ein, und zwar im Vergleich zu den ersten beiden Themenkomplexen sehr ausführlich. Es ist nicht zu übersehen, dass Musik für den Autor, der nebenher komponiert, eine wichtige Rolle spielt.

Nimmt die Empathie zu?

Im fünften Kapitel, in dem Schmidt-Salomon das menschliche Einfühlungsvermögen behandelt, beginnt er damit, über bloßes Faktensammeln hinauszugehen. Er postuliert, dass die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, im Lauf der Jahrhunderte immer wichtiger wurde und immer mehr gesellschaftliche Gruppen mit einbezog. Daraus schöpft er die Hoffnung, dass wir künftig unsere Mitmenschen und auch Tiere mit mehr Anteilnahme behandeln werden als heute.

Die optimistische Grundhaltung des Autors dominiert selbst in jenem Teil des Buchs, in dem Schmidt-Salomon auf Krankheiten, Armut, Kriege und Umweltzerstörungen zu sprechen kommt. Seiner Meinung nach geben sie zwar immer noch Grund zur Besorgnis – allerdings habe sich die Situation in all diesen Problemfeldern während der letzten Jahre deutlich verbessert.

Vergleichsweise knapp zeigt der Autor auf, wo er Lösungsansätze für die drängendsten Probleme der Menschheit sieht, bevor er im letzten Kapitel seine positive Sichtweise in die Tradition großer Vordenker einreiht. Hier nehmen seine Erörterungen teils fast religiösen Charakter an, gerade zum Ende hin, an das er eine Art persönliches Glaubensbekenntnis stellt. Man fragt sich, ob der evolutionäre Humanismus für Schmidt-Salomon, den das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einmal als "Deutschlands Chef-Atheisten" bezeichnet hat, zu einer Ersatzreligion geworden ist.

Schon ganz andere Dinge bewältigt

Den ein oder anderen Leser mag "Hoffnung Mensch" durch seine kompromisslos optimistische Haltung provozieren, vor allem da der Autor nur wenige konkrete Anregungen gibt, wie wir die Probleme dieser Welt lösen können. Aber das Buch, das zusammen mit drei Vorgänger-Titeln ein Gesamtwerk ergibt, versöhnt auch. Es lädt dazu ein, die negativen Schlagzeilen, mit denen uns Medien täglich konfrontieren, aus einer hoffnungsvollen Perspektive heraus zu betrachten. Ihr Leitspruch könnte lauten: Wir verschließen nicht die Augen vor den Herausforderungen dieser Zeit, aber wir haben in der Vergangenheit schon so viele unlösbar anmutende Krisen gemeistert, dass wir es auch diesmal schaffen können. Wer bereit ist, diese Sichtweise anzunehmen, kann dem Buch sicher viel abgewinnen.