1856 wurden in einer Höhle bei Mettmann im Bergischen Land fossile Knochen gefunden. Der deutsche Arzt und Archäologe Rudolf Virchow (1821-1902) bescheinigte ihnen, die Überreste eines pathologisch veränderten, wahrscheinlich rachitischen Homo sapiens zu sein. Er irrte. Die Skeletteile stammten von einem Neandertaler – doch Virchow sah, was er sehen wollte, denn er war ein erklärter Gegner von Darwins Evolutionstheorie. Und stand damit in der langen Tradition derer, die nicht wahrhaben wollten, dass der moderne Mensch von Menschenartigen und Menschenaffen abstammt.

Friedemann Schrenk und Oliver Sandrock erzählen diese Geschichte im vorliegenden Buch, das zur (mittlerweile beendeten) gleichnamigen Ur- und Frühmenschenausstellung in Darmstadt erschien. Damit sind sie bei einer ihrer zentralen Thesen: Es gibt in der Paläoanthropologie keine Wahrheiten, sondern jeweils aktuelle Wissensstände, die zudem vom Weltbild des Forschers abhängen. Denn Fossilien sind einfach nur "stumm da" und tragen nichts zu ihrer Interpretation bei. Schrenk, Professor für Paläobiologie an der Goethe-Universität Frankfurt, und Sandrock, Kurator für fossile Wirbeltiere des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, wissen: Neue Knochenfunde ergänzen die lückenhafte Geschichte der Menschwerdung nicht nur, sie zwingen oft dazu, diese neu zu erzählen. Beiden Autoren ist es wichtig, dass der Leser diese Unsicherheiten, Irrtümer und den spekulativen Charakter ihrer Forschung versteht.

Verästelte Herkunft

Der mit 100 Seiten recht schmale, aber dennoch gehaltvolle Band bereitet die hochkarätige Ausstellung "Expanding Worlds" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt auf, die von 9. Oktober bis 22. November 2015 lief. Die Schau präsentierte originale Früh- und Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen. Das war spektakulär, weil die Stücke normalerweise in Safes lagern und lediglich als Abguss gezeigt werden.

Als Leser(in) wird einem schnell klar, dass das gängige Bild eines anthropologischen "Stammbaums" veraltet ist und die Menschwerdung eher einem Stammbusch mit verworrenen Verwandtschaftszweigen ähnelt. Wie der Journalist Gert Scobel im Vorwort formuliert: Wir haben eine riesige Patchwork-Vergangenheit. Sein kluger Aufsatz startet mit dem Wort "Rassismus". Das ist gut, denn noch immer widerstrebt es manchem, anzuerkennen, dass wir viel enger miteinander verwandt sind, als unser Äußeres vermuten lässt.

Neben der wissenschaftlichen hat das Buch eine politische Agenda. Schon Charles Darwin (1809-1882) vermutete gegen alle Widerstände, der Ursprung des Menschen sei in Afrika zu suchen – und wurde bestätigt. Sowohl die Gattung Homo als auch der Homo sapiens haben sich dort entwickelt. Doch die "Out-of-Africa"-These und die Vorstellung, eine schwarze Eva als Urmutter zu haben, war für damals für viele Europäer eine Kränkung. Zu Recht machen die Autoren diesen Eurozentrismus in mehreren Beiträgen zum Thema. Dabei kommt unter anderem die berühmte Fälschung von Piltdown zur Sprache – jener Versuch, mit Hilfe zusammengeleimter Knochenstücke den Ursprung der Menschheit nach England zu verlegen. Erst 1953 wurde der Schwindel aufgedeckt.

Durch die Jahrmillionen

Ein Katalogteil präsentiert die Funde mit allen wichtigen Details und gibt dabei den aktuellen Stand der Forschung wieder. Das Spektrum reicht vom ältesten Exponat, dem rund 2,5 Millionen Jahre alten Unterkiefer eines Homo rudolfensis, bis zum jüngsten Ausstellungsstück, dem 40 000 Jahre alten partiellen Skelett des Neandertalers, das Virchow falsch einordnete.

An einigen Stellen des Buchs vermisst man ein ordentliches Lektorat. Zudem haben nicht alle Beiträge die gleiche Qualität. Besonders jener Aufsatz, der den Bogen von der biblischen Menschheitsgeschichte zur wissenschaftlichen spannt, bleibt allzu sehr im Vagen und kommt über die Aneinanderreihung von Bildbeschreibungen kaum hinaus.

Dennoch: Wer die 100 Seiten gelesen und die hervorragenden Fotos und Illustrationen betrachtet hat, ist bestens informiert. Vielleicht spürt er sogar, was Henning Mankell in seinem persönlich gehaltenen Beitrag beschreibt: die eigene Verbundenheit mit den alten Knochen. Der mittlerweile verstorbene Autor schildert ohne Kitsch, dass er bei seinem ersten Afrikabesuch das Gefühl von Rückkehr hatte, und zieht in Erwägung, ob etwas in unserem Erbgut an die Wiege der Menschheit erinnern könnte. Auch wer solcher Poesie nicht folgen mag, kommt an der Tatsache nicht vorbei, dass wir mit unseren afrikanischen Vorfahren eng verwandt sind.