In acht Vorträgen, die der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour im Rahmen der berühmten Gifford Lectures gehalten hat, nähert er sich der Problematik des Anthropozäns und versammelt viele Ideen, die er schon in früheren Büchern vorgestellt hat, allen voran in "Wir sind nie modern gewesen" (1995) und in "Das Parlament der Dinge" (2001). Latours großes Thema ist der Entwurf einer Anthropologie der Moderne. Dabei geht es ihm vor allem darum, die Trennung zwischen Mensch und Natur aufzuheben oder vielmehr zu zeigen, dass diese Trennung in Wahrheit nie existiert hat.

Unter dem "neuen Klimaregime" versteht Latour die Tatsache, dass die vermeintliche Trennung zwischen Natur und Kultur, wie sie im 17. Jahrhundert vollzogen wurde, langsam obsolet wird. Die von den Wissenschaften objektivierte Natur sei jetzt selbst zu einem Akteur geworden. Damit, so der Autor, beginne die Natur Einzug in die Politik zu halten, und die bis dahin lediglich beschreibende Wissenschaft stelle jetzt auch ethische Forderungen. Dass Wissenschaftler ihre vermeintlich objektive Außenperspektive verlassen und anfangen, in der Geopolitik Partei zu ergreifen, ist für den Autor Grund zur Hoffnung.

Empirie und Evidenz

Latour zeigt, das "alte Klimaregime", aktuell prominent vertreten durch Klimaskeptiker wie Donald Trump, glaube noch immer, die Natur stehe uns als Objekt gegenüber und würde nicht durch unser Handeln beeinflusst. Die Leugner des Klimawandels reden somit wohlweislich nicht von seinen Folgen, die es ihrer Meinung nach nicht gibt, sondern ausschließlich von den wissenschaftlichen Fakten, die ihnen zufolge falsch sind.

Latour weigert sich auch, von einer ökologischen Krise zu sprechen, da das implizieren würde, der jetzige Zustand sei nur vorübergehender Natur. Für ihn stellt sich die Gegenwart vielmehr als eine "tiefe Mutation unserer Beziehung zur Welt" dar. Dass dies kaum wahrgenommen wird, sieht der Autor in der Religion und dem damit verbundenen Glauben an die Apokalypse begründet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und in Anspielung auf das Buch "Das Ende der Geschichte" des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama sieht Latour Amerika in einem postapokalyptischen Zustand, denn das Jenseits sei für den Westen bereits wahr geworden. Und "wie sollten sich diejenigen, die mit der Geschichte Schluß gemacht haben, für die neue Geopolitik einer multiplen ERDE interessieren – oder diese auch nur begreifen?" Eine These, die doch sehr weit hergeholt erscheint.

In diesem Zusammenhang wirft der Autor der Religion als auch den Wissenschaften vor, die Subjektivität und Autonomie der Natur zu ignorieren. Die Religion überfrachte sie mit Lebendigkeit und Seele, während die Wissenschaft ihr die Lebendigkeit abspräche. Beide Sichtweisen hinderten uns aber daran, zur Welt vorzudringen. So plädiert er dafür, wieder "den Anschluß an die Gegenwart" zu finden. Wissenschaft und Religion würden den Planeten Erde "vom Sirius aus" betrachten, ohne zu erkennen, dass sie sich selbst nicht aus dem Gesamtzusammenhang herausnehmen können.

Akteure im großen Netzwerk

Die Überwindung des Gegensatzes von Natur und Kultur sieht der Autor in der Gaia-Hypothese des englischen Wissenschaftlers und Erfinders James Lovelock. Die natürlichen "Objekte" werden hier zu Akteuren, hören auf, Teile zu sein und fügen sich ein in das große Netzwerk eines selbstregulierenden Systems. Es gibt demnach weder Teile noch Totalität, sondern nur noch ein dichtes Gefüge von vernetzten Akteuren. Die Gaia-Hypothese gebe somit "das Signal zur Rückkehr zur Erde" und sei "das einzige Mittel, die MODERNEN in ihrer Gewißheit darüber, was sie sind, in welcher Epoche sie leben und auf welchem Boden sie sich befinden, zutiefst zu erschüttern und von ihnen zu verlangen, daß sie endlich die Gegenwart ernst nehmen."

Darüber hinaus stellt der Autor die These auf, wir würden uns heute in einem postzivilisatorischen "Naturzustand" (angelehnt an den Philosophen Thomas Hobbes, 1588-1679) befinden, oder seien auf dem Weg dorthin. In diesem Zustand weigerten sich die Menschen, sich einem Gemeinwesen unterzuordnen, und es komme unweigerlich zu einem Krieg aller gegen alle. Doch in diesem Krieg würden, neben den Menschen, "auch der Thunfisch und das CO2, der Meeresspiegel, die Pflanzenknollen oder die Algen" Protagonisten sein.

Um diesen Krieg zu verhindern, macht der Autor am Ende seines Buchs Vorschläge, wie eine künftige Klimakonferenz aussehen könnte, nämlich ohne einen übergeordneten Schlichter, wie Gott, die Natur, die Ökonomie oder die Weltregierung. Den Nationalstaaten müssten NGOs zur Seite gestellt werden und in seinem "Parlament der Dinge" wären auch der Wald, die Ozeane und andere nichtmenschliche Subjekte durch menschliche Delegationen vertreten. Dass dieser Werterelativismus durchaus auch Gefahren beinhaltet, hat bereits der Journalist Jörg Lau in seiner Rezension des Buchs "Das Parlament der Dinge" gezeigt, indem er schrieb, "eine solche Ordnung, die keine getrennten Wertsphären (Rechtssystem, Wissenschaft, Politik) kennt, die ihren je eigenen Gesetzmäßigkeiten und Werten folgen (Recht, Wahrheit, Mehrheit), hätte kein Korrektiv gegen die totalitäre Versuchung, Mehrheitsmeinungen mit Fakten oder umgekehrt objektive wissenschaftliche Erkenntnisse mit Werten in eins zu setzen und könnte sich trotz ihres radikaldemokratischen Anstriches schnell als ein Albtraum an Illiberalität und Rechtlosigkeit" erweisen.

Bruno Latour war 1996 einer der Betroffenen der sogenannten Sokal-Affäre. Ihm wurde, zusammen mit anderen postmodernen Autoren, vorgeworfen, zum Teil "eleganten Unsinn" zu verbreiten. Seine Ideen sind, zumindest was dieses Buch betrifft, zwar kein eleganter Unsinn, aber auch nicht immer sonderlich originell und seine weitschweifigen Ausführungen schaffen gelegentlich mehr Verwirrung als Klarheit. Die Hälfte der Seitenzahl hätte dem Buch und seinen Leser(inn)en gut getan.