Kaum eine andere Zeit ist derart klischeebeladen wie das Mittelalter. Das gilt auch und gerade für das Kriegswesen, von dem viele annehmen, es sei in diesen "finsteren Zeiten" besonders brutal und grausam gewesen. Dass eine differenziertere Sichtweise nottut, zeigt dieses lesenswerte Buch, in dem namhafte Mediävisten den mittelalterlichen Krieg aus wissenschaftlicher Sicht beleuchten.

In der mittelalterlichen Ständegesellschaft gab es kein staatliches Gewaltmonopol. Vor dem Hintergrund dieser Tatsache erörtern die Autoren unterschiedliche Formen damaliger bewaffneter Konflikte – von der ritterlichen Fehde, der kriegerischen Form der Selbstjustiz, bis zur umfassenden militärischen Kampagne, die der heutigen Vorstellung von Krieg nahe kam. Mit den adligen Rittern steht dabei jene soziale Gruppe im Fokus, die das Kriegshandwerk an besten beherrschte und sich dazu befugt sah, das Recht selbst in die Hand zu nehmen und ihm gewaltsam Geltung zu verschaffen. Ritter kämpften unter-, aber auch miteinander, sowohl gegen innere als auch äußere Feinde, wobei das militärische Spektrum breit gefächert war. Es umfasste den Plünderungszug ebenso wie den Verteidigungskampf (Lechfeld 955), Eroberungskrieg (Hastings 1066) und den "Heiligen Krieg" im Namen Gottes (Kreuzzüge, Kampagnen des Deutschen Ordens).

Niedergang der elitären Reiter, Aufstieg des Fußvolks

Sehr gelungen stellen die Autoren dar, wie und warum der Krieg seit dem 14. Jahrhundert sein Gesicht veränderte. Gewaltexzesse wie im Hundertjährigen Krieg verloren nach und nach ihren Ausnahmecharakter und wurden immer mehr zur Regel. Selbst in Phasen des Waffenstillstands ging das Töten weiter, weil sich die bezahlten Kämpfer ihren Lebensunterhalt durch Raub, Entführung und Mord verdienten. Einen wichtigen Grund dafür sehen die Autoren in der rasanten Entwicklung der Waffentechnik, die den Kämpfern mit spezialisierten Stangenwaffen, Bogen und Armbrust und später mit Schießpulverwaffen immer effektivere Mordinstrumente an die Hand gab. Elitekämpfer wie Ritter sahen sich in zunehmendem Maße schwerbewaffneten Massenformationen gegenüber, denen sie wenig entgegenzusetzen hatten, und verloren an militärischer Bedeutung. Mit dieser Entwicklung gingen weitreichende taktische Veränderungen einher, wie die Autoren anhand bekannter Schlachten anschaulich beschreiben.

Lange Zeit hatte die schwere, gepanzerte Kavallerie die Schlachtfelder des Mittelalters beherrscht, doch sie geriet seit dem 14. Jahrhundert zugunsten der kollektiv agierenden Infanterie ins Hintertreffen. Englische Langbogenschützen deckten die gegnerischen Reiter mit Pfeilhageln ein, die Söldnertruppen der Schweizer Eidgenossen hoben Kavalleristen mit Hellebarde und Langspieß aus dem Sattel. Die Fußtruppen entwickelten mit der Haufentaktik eine militärische Neuerung, bei der Hellebarden- und Langspießträger eine waffenstarrende Front bildeten, die für die Reiter undurchdringlich war. Wie kriegsentscheidend solche Neuerungen sein konnten, zeigten die Schlachten von Crecy (1346) und Azincourt (1415), in denen die englischen Langbogenschützen dank enormer Reichweite und Durchschlagskraft die gepanzerten französischen Ritter dezimierten und so den Sieg ermöglichten.

Allerdings, das wird in einem weiteren Beitrag deutlich, verstand man sich im Mittelalter nicht nur aufs Töten, sondern auch auf die Kunst, Konflikte nach bestimmten Regeln und Ritualen gewaltfrei zu lösen. Gleichwohl war der schonende Umgang mit dem feindlichen Gegenüber keine generell geübte Praxis, sondern trat vorrangig dort auf, wo die Kombattanten viel miteinander verband – gleicher Stand, gleiche Interessen oder gemeinsame Blutsbande. Fremde und sozial Tiefstehende dagegen durften kaum auf Versöhnung und Milde hoffen.

Beschränkung der Selbstjustiz

Am Ende des Mittelalters verkündete Kaiser Maximilian I. den "Ewigen Landfrieden" (1495). Und schuf damit eine verbindliche Ordnung, welche die Streithähne im Reich zwang, sich an ein Gericht zu wenden, um Genugtuung für erlittenes Unrecht zu erlangen. Das war ein Erfolg auf dem Weg dahin, Gewalt zumindest im Innern einzudämmen.

Wie ein Abgesang auf die Ritterschaft erscheint der letzte Buchbeitrag, in dem mit Götz von Berlichingen und Franz von Sickingen zwei Protagonisten einer ehemals dominierenden Gruppe vorgestellt werden, die sich mit aller Macht gegen die Veränderungen des ausklingenden Mittelalters stemmten. Der Niedergang der Ritterschaft, so ist zu lesen, sei weniger ökonomischen Gründen geschuldet gewesen als vielmehr dem Verfassungswandel im Reich, der die "letzten Ritter" in ihrer Autonomie einschränkte.

Das lehrreiche Buch beleuchtet den mittelalterlichen Krieg im Mittelalter unter vielfältigen Aspekten und eröffnet neue Perspektiven auf die Epoche zwischen Antike und Neuzeit.