"Game of Thrones", "The Walking Dead", die "Harry Potter"-Reihe mit all ihren magischen Wesen : Monster sind en vogue. Aber sie sind keine Modeerscheinung, wie der Wissenschaftsjournalist und Physiker Hubert Filser in diesem Buch zeigt. Bereits in der Steinzeit ersannen Menschen allerhand Ungeheuer: An den Wänden der Höhle von Chauvet, im antiken Göbekli Tepe und andernorts findet man Zeichnungen und Plastiken monströser Mischwesen; oft Menschenkörper mit einem Tierkopf. Die Aborigines erdachten vor etwa 29.000 Jahren meerjungfrauenähnliche Bestien, die in Wasserlöchern und Höhlen auf kleine Kinder lauern und diese lebendig verschlingen. Und die antike Götterwelt der Azteken, Ägypter und Griechen gleicht geradezu einem Monsterzoo.

Aber warum erschaffen Menschen gruselige Scheusale, wo sie doch in der realen Welt genug Probleme haben? Dieser Frage geht Filser nach. Die antiken Göttermonster symbolisieren Chaos und Ordnung der Welt sowie Gewalten, die der Mensch nicht beherrschen kann – von allerlei Katastrophen bis hin zum Tod. Die Ungeheuer der Aborigines wiederum sollten davor warnen, sich nicht alllzu unbedacht in der Wildnis zu bewegen, sondern stets aufzupassen, wo man hintritt. Kulturgeschichtlich betrachtet sind Monster oft personifizierte Gefahren, die es zu meiden gilt.

Das Angst-Lust-Prinzip

Die meisten werden bereits als Kinder mit fiktiven Ungetümen konfrontiert. Hier zeigt sich Filser zufolge eine wichtige Funktion:"In den selbst erschaffenen Monstern begegnen die Kinder ihren Problemen, sie können diese anschauen, begreifen und überwinden." In Bestien materialisieren sich unbewusste Ängste, und indem Kinder mit gruseligen Figuren spielen oder unheimliche Märchen lesen, "beherrschen" sie diese. Wichtig sei dabei das "Angst-Lust-Prinzip": Kinder und Erwachsene fürchten sich und schöpfen daraus, dass sie dies aushalten, ein Lustgefühl. Bei Kindern ist das stärker ausgeprägt, weil sie – weitgehend unabhängig vom Kulturkreis – tatsächlich an die Existenz übernatürlicher Akteure glauben.

Aber auch bei Erwachsenen spielen eingebildete Ungeheuer eine Rolle, wie der Autor zeigt, denn sie "widersetzen sich der Ordnung der Welt, stehen für das Chaos, sind wild und unberechenbar. Wir lieben das Gruseln, gerade auch in unserer durchtechnologisierten und überorganisierten Zeit." Filser zufolge symbolisieren unkontrollierbare Monster unsere Sehnsucht, der entzauberten und rationalisierten Welt zu entkommen und wieder mehr Wildheit zu spüren. Zugleich geben sie einem das unterschwellige Gefühl, dass es vielleicht doch mehr gibt in der Welt, als die Naturwissenschaften zu beschreiben vermögen.

Filser betont, "dass wir uns gerade dann fürchten, wenn wir uns nicht ganz sicher sind, ob wirklich eine Gefahr besteht. Ist die Bedrohung dagegen klar, reagieren wir viel weniger emotional". Die Wirkung der Ungeheuer speist sich daher aus ihrer Ambivalenz: Bei menschenähnlichen wie Frankenstein, Nosferatu oder dem Horrorclown Es sind wir uns nie ganz sicher, ob sie lebendig sind und humane Wesenszüge haben.

Mit der Raumfahrt kamen die Aliens

Monster hängen oft mit unserem Lebensumfeld und dem Zeitgeschehen zusammen. Steinzeitliche Bestien hatten ihre Vorbilder in der Natur und sollten die Menschen warnen. Der japanische Mutant Godzilla dagegen entstand nach dem Abwurf der Atombombe 1945. Außerirdische erlebten mit der beginnenden Raumfahrt in den 1950ern einen Aufschwung und Zombies sind seit der neoliberalen Wirtschafts- und Umweltkrise der 1970er Jahre angesagt. "Aliens sind neben den Zombies die prägenden Monster unserer Zeit. Sie sind für den Menschen auch immer so etwas wie ein Maßstab der eigenen Entwicklung: Sind wir schlau genug? Könnten wir gegen eine andere Spezies bestehen?" Prägen neue Technologien, Kriege oder Seuchen die Welt, erdenken Kulturschaffende oft auch neue Ungeheuer. Deshalb folgert Filser: "Monster sind so etwas wie Seismografen, empfindliche Gradmesser unserer Ängste. Ihr Auftauchen ist ein Warnsignal dafür, dass Dinge aus dem Lot geraten sind."

Der Autor beschreibt gekonnt die Monster verschiedener Menschheitsepochen und erklärt dabei deren Entstehung und Funktion. Als Leser freut man sich über all die kuriosen Anekdoten und kulturgeschichtlichen Schätze, die Filser sorgfältig recherchiert hat. Darüber hinaus gelingt es ihm, etwas Ordnung ins chaotische Reich der Ungetüme zu bringen; er kategorisiert ihre Geschichten, Orte und Funktionen, ohne dabei ihren Charme und ihren Horror zunichte zu machen. "Das Böse kommt nicht von außen, als etwas Fremdes, sondern es ist ein Teil von uns." Ein leichtfüßig geschriebenes, prickelndes Lesevergnügen.