Da hat sich der studierte Physiker und Wissenschaftsphilosoph Dirk Eidemüller viel vorgenommen. Seine Abhandlung bezweckt nicht weniger als eine Gesamtschau des zeitgenössischen Wissens über die Natur und den Menschen. Obendrein sollen Physik und Biologie in den systematischen Zusammenhang einer Erkenntnistheorie gebracht werden. Für diese Mammutaufgabe bringt der Autor enorme Belesenheit mit. Die Literaturliste umfasst etwa ein Dutzend eng gedruckter Seiten.

In zwei großen Abschnitten handelt Eidemüller zunächst die Philosophie der Quantenphysik sowie die evolutionäre Erkenntnistheorie ab – und das durchaus kompetent. Im dritten versucht er, aus beidem ein ausführliches philosophisches Fazit zu ziehen.

Im Reich des Indeterminismus

Die Grundlage des Ganzen bildet das durch die Quantentheorie veränderte Realitätsverständnis gemäß der Auslegung von Niels Bohr (1885-1962) und Werner Heisenberg (1901-1976). Diese so genannte Kopenhagener Deutung postuliert einen fundamentalen Bruch zwischen der probabilistischen Natur der Quantenwelt und der deterministischen, von der klassischen Physik Newtons und Einsteins beschriebenen Domäne des Alltags. Den Bruch soll der Messprozess überbrücken: Der makroskopische Beobachtungsapparat filtert quasi aus der Wahrscheinlichkeitsverteilung der Mikrozustände ein eindeutiges Messresultat heraus. Auf diesem Fundament errichtet Eidemüller sein gesamtes Gedankengebäude.

Im zweiten Teil folgt der Physiker im Wesentlichen der evolutionären Erkenntnistheorie, die in den Stärken und Schwächen unseres Erkenntnisapparats das Ergebnis eines biologischen Anpassungsprozesses an die Naturrealität sieht. Er wendet aber ein, diese Theorie sei sozusagen klassisch-beschränkt, denn sie vernachlässige die durch die Quantenphysik veränderte Wirklichkeitsauffassung.

Auch im dritten Teil versucht Eidemüller seine philosophische Position mit quantentheoretischen Argumenten zu stützen: "Im Gegensatz zum klassisch-physikalischen Paradigma (…) ist die hier vertretene Theorie, die eine Art naturalistischen Pluralismus ausdrückt, eine Zurückweisung sowohl materialistischer als auch idealistischer Positionen." Damit folgt er Heisenberg, der den klassischen Realismus mehrfach für erledigt erklärt hat – denn in der Quantenwelt sei etwas immer erst dann real, wenn es im Messgerät des Beobachters auftauche. Insofern liege die Realität im Auge des Betrachters, sei aber zugleich auch objektiv gegeben.

Die Beschreibung der Landschaft ist nicht die Landschaft selbst

Eidemüller muss viel Mühe aufwenden, diese Position gegen die idealistische Fehldeutung zu verteidigen, die Wirklichkeit sei ein pures Produkt der Beobachtung. Seine "pluralistische" Kompromissformel läuft dennoch Gefahr, die offensichtliche Tatsache zu verwischen, dass die Naturforschung eine außer ihr bestehende Wirklichkeit zu beschreiben sucht. Die Beschreibung ist ein menschliches Produkt, aber sie ist nicht mit dem beschriebenen Gegenstand zu verwechseln.

Vor allem: Eignet sich die Kopenhagener Deutung überhaupt als unerschütterliches Fundament für ein Gesamtbild des heutigen Wissensstands? Zu der Zeit, als Heisenberg über die Quantentheorie philosophierte, lag es nahe, zwischen der Makrowelt, in der Physiker mit Nebelkammer und Geigerzähler hantierten, und den direkt unsichtbaren Teilchen der Mikrowelt einen radikalen Schnitt zu postulieren und den Messvorgang als gewaltsamen Einbruch der Makro- in die Mikrowelt zu deuten – als physikalisch unbeschreiblichen "Kollaps" des Quantenzustands. Heutzutage sind die Messsonden derart verfeinert und die untersuchten Quantenobjekte derart komplex, dass der Unterschied zwischen beiden Welten seine Schärfe verliert.

Offenbar gilt die Quantenmechanik für Messgerät und Messobjekt gleichermaßen, und statt vom "Kollaps" redet man lieber von der "Dekohärenz" des Quantenzustands, herbeigeführt durch quantenmechanische Wechselwirkungen zwischen Gerät, Objekt und Umwelt. Diese These, vom Theoretiker H. Dieter Zeh schon in den 1970er Jahren aufgestellt, prägt die heute gängige Sprechweise über Quantenphänomene. Beispielsweise geht es darum, Quantencomputer möglichst lange vor Umwelteinflüssen zu schützen, damit sie nicht durch Dekohärenz ihre Quanteneigenschaften vorzeitig verlieren; erst beim Auslesen des Outputs dürfen sie "klassisch" werden.

Darwinsche Selektion in der Quantenwelt?

Ein jüngerer Dekohärenztheoretiker, Wojciech H. Zurek, verwendet sogar mitunter Kernbegriffe der darwinschen Evolutionslehre, um zu beschreiben, wie aus fluktuierenden Quantenzuständen durch Selektion stabile klassische Zustände hervorgehen. Ein solcher "Quantendarwinismus" wäre ein viel versprechender Ansatz für die von Eidemüller angestrebte Synthese von Mikrophysik und Evolution.

Außerdem gab es zu Heisenbergs Zeiten keine Quantenkosmologie, die heute das Universum – angefangen vom Urknall über die Hawking-Strahlung Schwarzer Löcher bis zum kosmischen Strahlungshintergrund – als den größtmöglichen Schauplatz von Quantenphänomenen erforscht. Auf dieser riesigen und fast 14 Milliarden Jahre alten Bühne mutet eine Erkenntnistheorie, die menschliche Beobachter als Voraussetzung zum Verwirklichen der Quantenrealität nötig hat, eher komisch an.

Die Kopenhagener Deutung wird einen Ehrenplatz in der Wissenschaftsgeschichte behalten, aber die Debatten über die Interpretation der Quantenphysik gehen weiter, weil die Forschung nicht stehen bleibt. In Eidemüllers Buch spielen aktuelle Spekulationen über eine Physik, welche die Gravitation und die übrigen Naturkräfte vereinigen soll, keine Rolle. Doch ob die künftige Quantengravitation nun eher einer Stringtheorie oder einer Schleifenquantengravitation ähneln wird: Gewiss wird sie unser Realitätsverständnis erneut verändern. Darum ist Eidemüllers großer Versuch keine allumfassende Naturphilosophie, sondern eine sehr respektable Zwischensumme dessen, was wir in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wissen konnten.