Das Buch wirkt auf den ersten Blick sehr interessant. "Raubtier Mensch" lautet der Titel, und der Untertitel "Die Illusion des Fortschritts". Im Umschlagtext ist die Rede vom Menschen "als Ausbeuter der Natur, als Homo rapiens".

Wer das Werk gelesen hat, stellt ernüchtert fest: Der Umschlagtext führt grob in die Irre, denn um die Ausbeutung der Natur geht es in keiner Weise. Auch der (deutsche) Buchtitel ist verfehlt. Dass der Mensch ein Raubtier sei, wird allenfalls ganz am Rande thematisiert (der Originaltitel lautet "The Silence of Animals"). Einzig der Untertitel kommt dem Inhalt einigermaßen nahe. John Gray, ehemaliger Professor für europäische Ideengeschichte an der London School of Economics, befasst sich in dem Werk mit Fragen der Selbstfindung: Wer sind wir? Welche Rolle spielen Mythen und Religion für uns? Gibt es eine Entrückung? 2002 hatte Gray das viel beachtete Werk "Straw Dogs" veröffentlicht, in dem er sich gegen den Humanismus wendete. Im vorliegenden Buch postuliert er: Die Menschheit glaube an ihren Fortschritt und erliege damit einer Fantasie.

Zwischen den Buchdeckeln die Welt

Das ist eine starke These, und man ist gespannt, wie der Autor sie belegen wird. Doch bereits nach kurzer Lektüre kommt Verwunderung auf. Gray "untermauert" seine Annahme, indem er aus Literaturwerken zitiert. Er befasst sich etwa mit Joseph Conrads "Herz der Finsternis", mit Curzio Malapartes "Die Haut" und George Orwells "1984". All diese Werke handeln vom Verlust der Zivilisiertheit und der Ratio. Dem Autor dienen sie anscheinend als Beweis dafür, dass menschlicher beziehungsweise zivilisatorischer Fortschritt nicht existiert.

Nun sind derlei Kunstwerke großteils fiktiv. Daher wirkt es ziemlich seltsam, wenn Gray weit reichende anthropologische Thesen auf sie stützt. Zudem ist der Verweis auf Grenzerfahrungen ("Herz der Finsternis") alles andere als überzeugend. Menschen in Extremsituationen neigen zu extremem Verhalten, das zeigt schon ein kurzer Blick in die täglichen Nachrichten. Inwiefern sagt das etwas über zivilisatorische Entwicklung aus?

Später im Buch befasst sich Gray mit den Arbeiten Sigmund Freuds (1856 – 1939). Er lobt den Psychoanalytiker für dessen Schicksalsergebenheit. Freud habe erkannt, dass die Psychotherapie zwar helfe, die Spuren frühkindlicher Erfahrungen zu erkennen – diese Spuren aber nicht beseitigen könne. Das Endziel der Psychoanalyse sei es, den Patienten dazu zu bringen, sein persönliches Schicksal zu akzeptieren. Dieser Abschnitt ist wohl der interessanteste des Buchs. Gleichwohl erschließt sich kaum, wie er mit dem Thema zusammenhängt.

Durchs Ungefähre driften

Einen roten Faden zu entwickeln, war dem Autor offenbar nicht wichtig. Im hinteren Teil des Werks verliert er die Linie komplett aus den Augen und arbeitet stattdessen einen wunderlichen Themenreigen ab: die Rolle des Schweigens bei Menschen und Tieren; die Nichterkennbarkeit von Städten; die Erfahrung von Todesnähe; das Wandeln auf den Spuren eines Falken, um der menschlichen Perspektive zu entrinnen. Grays gezwirbelte Betrachtungen hierzu sind kaum nachvollziehbar, und sie werden es noch weniger dadurch, dass er häufig die Sprachbilder und den Duktus der von ihm zitierten Autoren übernimmt. Infolgedessen weiß man oft nicht, ob es sich jetzt um Zitate oder eigene Reflexionen des Verfassers handelt. Seine Kritik am Humanismus – dieser sei eine Ideologie und ein Aberglaube – wirkt wenig stichhaltig und zuweilen billig.

"Raubtier Mensch" mäandert von irgendwoher nach irgendwohin, wobei die Botschaft des Autors diffus bleibt. Ein enttäuschendes Werk, das den Leser ratlos zurücklässt.