Seit es die empirische Naturforschung gibt, berufen sich Geistheiler und Wünschelrutengänger auf deren Autorität, um esoterische Praktiken pseudowissenschaftlich zu legitimieren. Als die Forschung einst ihr Augenmerk auf elektrische und magnetische Effekte richtete, ersann Franz Anton Mesmer (1734-1815) den "Animalischen Magnetismus", mit dem er sein bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts populäres Heilverfahren begründete, einen Mischmasch aus Suggestion und Plazeboeffekt. Ähnlich bemühen Esoteriker heute die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, um haltlosen Spekulationen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Dabei profitieren sie davon, dass die Theorien der modernen Physik für den Alltagsverstand schwer verdaulich sind – und ihre pseudowissenschaftlichen Entstellungen daher für die meisten nur schwer als solche zu erkennen.

Unter anderem beeindrucken so genannte Quantenheiler ihre Kunden mit dem Begriff der Verschränkung, der in der Quantenmechanik besagt: Unter speziellen Bedingungen verhalten sich zwei Teilchen als eng gekoppelte Komponenten eines einzigen Systems. Daraus folgert der Quantenheiler kühn, dass alles irgendwie mit allem verschränkt sei, insbesondere Therapeut und Kunde. Und schon steht der Suggestion nicht mehr im Weg.

Physiker Holm Hümmler hält sich nicht lange beim Ausmalen der pseudowissenschaftlichen Ideen auf, sondern verwendet die meiste Arbeit darauf, die entstellte Physik zurechtzurücken. Hierfür liefert er eine konzise Einführung in die wichtigsten Grundideen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik, unterhaltsam aufgelockert durch kurze, mit Literaturangaben belegte Hinweise auf gängige Fehldeutungen.

Unglücklicher Katzenfehlgriff

Dankenswerterweise unterlässt Hümmler billigen Spott. Er gibt wissenschaftsnahen Populärdarstellungen eine gewisse Mitschuld. Vor allem Schrödingers Katze – das berühmte Gedankenexperiment des Theoretikers Erwin Schrödinger (1887-1961) zur Illustration des quantenmechanischen Messproblems – nennt er "das vielleicht unglücklichste Beispiel in der Geschichte der modernen Physik". Die vermeintliche Doppelexistenz der eingesperrten Katze zwischen Leben und Tod beflügelt Geistheiler zu wilden Ideen über eine Verschränkung von Diesseits und Jenseits. Die Spekulation des britischen mathematischen Physikers Roger Penrose, das Bewusstsein sei ein Quantenphänomen und sitze in den Mikrotubuli der Nervenzellen, zitiert Hümmler als Beispiel dafür, dass sogar renommierte Forscher nicht gegen esoterische Ideen gefeit sind.

Die gesunde Skepsis des Autors versagt, wie ich meine, nur beim Thema Quantenbiologie ein wenig. Dabei handelt es sich um Forschungen an der Grenze zwischen Quantenphysik und Biochemie. An sich sind Biomoleküle natürlich Quantenobjekte. Richtig ist auch, dass unser Auge und unser Geruchssinn sogar für einzelne Photonen beziehungsweise Duftmoleküle empfindlich sind. Die von Hümmler zu wenig diskutierte Frage ist nur, ob das berechtigt, biologische Phänomene wie den Geruchssinn, den Orientierungssinn von Zugvögeln oder die Photosynthese zu Quantenphänomenen zu erklären. Man gerät damit in gefährliche Nähe zu Spekulationen à la Penrose.

So wirft das vorliegende Buch nicht nur ein Schlaglicht auf die aktuelle Esoterikszene, das beim Lesen für Staunen und Heiterkeit sorgt, sondern auch auf die unscharfen Ränder der exakten Naturwissenschaft.

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