Nachdem der Journalist und Abenteurer Lewis Mariano Nesbitt 1928 die Danakil-Senke in Äthiopien durchquert hatte, bezeichnete er sie als "Höllenschlund der Schöpfung". Nicht ohne Grund, denn sie zählt zu den heißesten Regionen der Welt. Die heute unwirtliche Gegend ist jedoch eine Wiege der Menschheit. 1974 entdeckte der amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson dort das Teilskelett von "Lucy", eines fossilen weiblichen Australopithecus afarensis.

Über diese Region legt der Archäologe Klaus Dornisch nun das Buch "Sagenhaftes Äthiopien" vor. Das Werk stellt aus archäologischer Perspektive dar, wie sich Kultur und Religion in dem Land entwickelt haben.

Dornisch erzählt zunächst eine kurze Geschichte der Menschheitsentwicklung, die ihren Anfang mit dem Fund von "Lucy" nimmt. Sodann begibt er sich auf eine archäologische Spurensuche nach dem mythischen Land Punt, dessen Lage man im heutigen Äthiopien vermutet. Genauere Angaben über dessen geografische Lage kann er aber nicht machen. Sein Fazit: Punt bleibt, zumindest vorerst, ein Rätsel der Archäologie.

Versunkene Jahrhunderte

Chronologisch schildert der Autor anschließend die kulturelle Entwicklung Äthiopiens vom "vor-aksumitischen" Zeitalter (zirka 10. bis 1. Jh. v. Chr.) bis zur Auflösung des aksumitischen Reichs (ca. 7. Jh. n. Chr.) Dabei stellt er unter anderem den Einfluss der Sabäer auf das frühzeitliche Äthiopien dar, eines semitischen Volks aus dem südarabischen Saba, heute Jemen. Die Sabäer kamen vermutlich wegen des Weihrauchs ins abessinische Hochland (heute Äthiopien/Eritrea). Im nördlichen Äthiopien schufen sie das Reich Di'amat mit zahlreichen Tempelanlagen, etwa das Bauwerk Meqaber Ga'ewa nahe der Stadt Wuqro. Außer Architektur brachten die Sabäer auch ihre Schrift mit sowie ihren Glauben an Gestirnsgottheiten wie "Athtar" (Repräsentant der Venus) und "Almaqah" (Mondgott). Dornisch betont, dass nicht nur, wie bisher in der Forschung üblich, von einer vor-aksumitischen, sondern von einer äthio-sabäischen Zeit gesprochen werden müsse.

Gegen Ende des 1. Jh. v. Chr. ging das Reich Di'amat unter. Eine genaue zeitliche Einordnung dieses Prozesses ist jedoch aufgrund der unklaren Quellenlage nicht möglich. Anschließend wanderten zahlreiche Menschen aus afrikanischen und arabischen Ländern ins abessinische Hochland ein. Anfang des 1. Jh. n. Chr. entstand das aksumitische Reich mit der Hauptstadt Aksum im Norden des heutigen Äthiopien. Das Reich etablierte sich in den folgenden Jahrhunderten als politische Handelsmacht am Horn von Afrika. Es breitete sich im Norden auf das Gebiet des heutigen Sudan aus und im Süden auf die Küstengebiete des heutigen Somalias. Die Ausdehnung vom Roten Meer im Osten bis zum Weißen Nil im Westen bezeichnet der Autor als nicht gesichert, aber wahrscheinlich. Kulturell trat Aksum unter anderem durch zahlreiche architektonische Bauwerke in Erscheinung. Charakteristisch sind vor allem die monumentalen Stelenfelder, die an den Nekropolen errichtet wurden.

Evangelium am Horn von Afrika

Das aksumitische Reich war auch in religiöser Hinsicht bedeutsam. Während in Rom das Christentum seit 313 lediglich geduldet wurde, erhob der aksumitische König Ezana es bereits 340 zur Staatsreligion. Im letzten Kapitel beschreibt Dornisch, wie sich das äthiopische Christentum trotz der Expansion des Islam in Nordafrika behaupten konnte und wie sehr es von jüdischem Gedankengut geprägt wurde. Diese Einflüsse verdeutlicht er anhand zahlreicher archäologischer Betrachtungen von Kirchenbauten in der Region.

Dornisch widmet sich in seinem Buch einer großen Zeitspanne. Sehr detailreich schildert er die Bauweise von Tempeln, Kirchen, Stelen und Nekropolen in verschiedenen Epochen. Beim Lesen geht dabei manchmal der Überblick verloren, da die zeitlichen Einordnungen aufgrund spärlicher Quellenlage oft schwammig bleiben und Orte zu selten auf Karten verzeichnet werden. Dennoch ist das Werk lesenswert. Denn der Autor stellt seinen Lesern ein wenig bekanntes, dafür umso spannenderes Feld archäologischer Forschung vor. "Sagenhaftes Äthiopien" führt durch die bewegten, multikulturell und multireligiös geprägten Jahrhunderte eines Landes, von dem die alten Griechen glaubten, es liege nahe der Sonne am Rand der Welt.