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Mit Hörnern, Klauen und Vlies

Eine weidende Schafherde im Tal; daneben der Schäfer, lässig auf seine Schippe gelehnt und flankiert von seinen Hunden: Es gibt kaum einen friedlicheren Anblick. Wer kann sich heute vorstellen, dass dieses Bild einmal für Not und Zerstörung stand? Vom Mittelalter an protegierte der europäische Adel die Schafzucht; man wollte am wachsenden Geschäft mit der Wolle teilhaben. Herdenbesitzer und Schafunternehmer erhielten weit reichende Weiderechte, die sie rücksichtlos gegen Ackerbauern durchsetzten. Menschen wurden von ihrem Land verjagt, bäuerliche Existenzen ausgelöscht; Humanist Thomas Morus (um 1478-1535) schrieb von "menschenfressenden Schafen". Im schottischen Hochland vertrieben Gutsherren die ansässige Bevölkerung, um Platz für die Herden zu schaffen, was als "Highland Clearances" in Erinnerung geblieben ist. So wie später die Maschinenstürmer gegen Fabriken, gingen die Bauern vielerorts gewaltsam gegen Schafherden vor und töteten zehntausende Tiere.

Dies alles erfahren die Leser im vorliegenden Büchlein, geschrieben vom Journalisten und passionierten Jäger Eckhard Fuhr. Der Autor hat ein interessantes Werk rund um Schafe vorgelegt, in dem er die Geschichte der Schafwirtschaft behandelt, verschiedene Rassen vorstellt, auf deren Zucht eingeht, die Rezeption dieser Tiere in Kunst und Religion beleuchtet und einen Blick auf den heutigen Stand der Schäferei wirft.

Wächter der Herde

Urbane Menschen, die "in größter Ferne zu Ackerbau und Viehzucht" leben, wie es in dem Band heißt, lernen bei der Lektüre Erstaunliches. Etwa darüber, was Hütehunde können. Sie treiben ihre Herde auf engen Wegen voran, schaffen Platz für entgegenkommende Fahrzeuge, halten die Schafe auf schmalen Landstreifen beieinander oder lassen sie ins "weite Gehüt" ausschwärmen. Versucht ein Tier, das zugewiesene Areal zu verlassen, ahndet der Hund das, wobei er sich gelegentlich mit einem kneifenden Biss Respekt verschafft. Dies, erläutert der Autor, sei sehr wichtig in einer kleinparzellierten Kulturlandschaft, in der sich Schäfer streng an die Landmarken des Ackerbaus halten müssen. Auf dem einen Flurstück sollen die Tiere ihren Dung abwerfen, auf dem anderen direkt daneben aber die frisch grünende Wintersaat in Ruhe lassen.

Navajo-Churro | Das nordamerikanische Volk der Navajo hatte schon vor Jahrhunderten Kontakt zu spanischen Siedlern, die Schafe mitbrachten. Die Tiere kamen mit den heißen und trockenen Verhältnissen in der Neuen Welt gut zurecht. Einige Schafe gelangten in den Besitz der Indigenen und machten diese zu nomadischen Viehzüchtern. Die Schafrasse Navajo-Churro ist heute ein lebendes Zeugnis indianischer Kulturgeschichte.

Besonders bedeutsam sind solche Fähigkeiten für die "Transhumanz", eine traditionelle Form der Schafwirtschaft. Hier führen Hirten ihre Herden auf manchmal hunderte Kilometer langen Wanderwegen, Triften genannt, zwischen Sommer- und Winterweiden hin und her – vorbei an Ackerland und bewohntem Gebiet. Dabei sei es immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten mit Ackerbauern gekommen, erzählt Fuhr. Heute würden in Frankreich, Spanien und Italien die alten Transhumanz-Traditionen wiederbelebt, hofiert von der Politik. Auch in Deutschland interessierten sich etliche für den Schäferberuf, unter ihnen viele junge Frauen.

Zu den Herausforderungen, vor denen Schäfer heute stehen, gehört die "Rückkehr der Wölfe", wie der Autor darlegt, der 2016 ein gleichnamiges Buch veröffentlicht hat. 2015 seien in Deutschland rund 350 Weidetiere den Räubern zum Opfer gefallen (behördliche Angaben bestätigen diese Größenordnung). Das seien zwar nicht viele, gemessen daran, dass allein im Mercantour-Nationalpark in den französischen Alpen jährlich mehrere tausend Schafe von Wölfen gerissen werden. Doch rechnen müssten Schafhalter mit Wolfsübergriffen von nun an immer.

Hund versus Isegrim

Rhönschaf | Charakteristisch für das Rhönschaf ist der schwarze Kopf bei sonst weißem Körper. Es ist eine landschaftstypische Rasse der Rhön. Als "Mouton de la Reine" war es in Pariser Restaurants eine begehrte Delikatesse.

Die Halter stellen sich darauf ein, indem sie beispielsweise Zäune errichten und Schutzhunde wie Patous anschaffen. Diese verteidigen die Herde gegen jeden Fremden, der sich aufdringlich nähert – auch gegen Menschen. Doch nicht überall reichen Herdenschutzhunde und Elektrozäune aus, um eine erträgliche Koexistenz von Wolf und Schäferei zu erreichen, betont Fuhr. Vor allem in der extensiven Weidewirtschaft, etwa im Hochgebirge, sei es geboten, auf die Rückkehr des Wolfs mit einem Comeback der Hirten zu reagieren.

Etliche Leser dürfte erstaunen, wie viele Rassen des Hausschafs (Ovis gmelini aries) es gibt: weltweit mehrere hundert. Elf davon stellt Fuhr in kurzen Porträts vor, vom Navajo-Churro über die Heidschnucke bis zum Kamerunschaf, das nicht geschoren werden muss (Schafwolle bringt weithin keine Erlöse mehr). Hervorgegangen ist das Hausschaf vermutlich aus Wildschaf-Spezies, die wir heute als Mufflons bezeichnen.

Schafe haben eine große religiöse Bedeutung, auf die der Autor in einem gesonderten Abschnitt eingeht. Hier befasst er sich unter anderem mit dem biblischen Opferlamm – ein Exkurs, der sicher nicht allen zusagt.

Das Buch überzeugt als interessantes Porträt jener Tiere, deren Anwesenheit in der Kulturlandschaft viele gedankenlos hinnehmen. Ansprechend ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die edle Gestaltung, einschließlich der schönen Bebilderung in Form von historischen Gemälden, Zeichnungen und Fotos.

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