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Letzte Chance?

Wer Weltklimapolitik verstehen will, sollte dieses Buch lesen. Es gewährt einen Blick über den Tellerrand deutscher Klimapolitik hinaus und richtet sich an alle, die sich nicht damit begnügen möchten, auf die eigenen guten Klimataten zu verweisen – etwa in Form neuer deutscher Anlagen zum Erzeugen grüner Energie, die (bei aller Wertschätzung) nicht mehr als einen winzigen Beitrag leisten, um dem globalen Klimawandel entgegenzuwirken.

Nick Reimer, Umweltverfahrenstechniker, Journalist und viele Jahre Wirtschaftsredakteur bei der "taz", hat ein brillantes Buch vorgelegt. Es fasst unterhaltsam, anschaulich und für Laien gut verständlich die äußerst komplexe Geschichte der Klimadiplomatie und Klimapolitik zusammen. Gleichzeitig vermittelt es alle wesentlichen Informationen darüber, wie es zum Klimawandel kommt, weshalb er sich verstärkt und was man dagegen unternehmen kann. Reimer beschreibt packend die großen Momente in zwanzig Jahren Weltklimadiplomatie:

  • Die großen Hoffnungen, geweckt von der UNCED (Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung) 1992 in Rio de Janeiro, in deren Verlauf 154 Staaten die Klimarahmenkonvention UNFCCC unterschrieben.
  • Die Eröffnung der ersten Weltklimakonferenz 1995 durch die junge und engagierte Umweltministerin Angela Merkel im Berliner ICC. Das "Berliner Mandat", an dem sie maßgeblichen Anteil hatte, brachte den "Klima-Konferenz- und Verhandlungszirkus" (Zitat des deutschen Journalisten Franz Alt) mit zuletzt über 20 000 Teilnehmern in Gang.
  • Die klimadiplomatischen Sternstunden, als 1997 das Kyoto-Protokoll abgeschlossen wurde: der erste, völkerrechtlich prinzipiell bindende Klimavertrag. Auch diesen hatte Merkel als deutsche Umweltministerin in zähen Tag- und Nachtverhandlungen maßgeblich mit durchgesetzt.
  • Die "Schande von Kopenhagen" 2009, als der große Traum von einer echten Verbesserung der bis dato wirkungslosen Weltklimapolitik platzte.
  • Das "Wunder von Cancun" im Jahr 2010, also die von Wissenschaftlern lange geforderte Fixierung einer Obergrenze der anthropogenen Erderwärmung von 2 Grad.

Eindrucksvoll schildert Reimer, wie Diplomaten das "Paris-Protokoll", das im Dezember dieses Jahres beschlossen werden soll, in intensivster Arbeit vorbereiten. Sein betrübliches Fazit: Diese Übereinkunft, die das im Ergebnis wirkungslose Kyoto-Protokoll ersetzen soll, habe alle Chancen, sich als noch weniger wirksam zu erweisen.

Von schwach zu schwächer

An dieser Stelle sollte man den Text besonders aufmerksam lesen. Für das Paris-Protokoll ist vorgesehen, das von der Weltgemeinschaft anerkannte 2-Grad-Ziel durch die Summe der freiwilligen "beabsichtigten national festgelegten Beiträge" zum Klimaschutz aller Einzelstaaten zu realisieren. Im Klartext: Das Kyoto-Protokoll mit seinen ohnehin schon unzureichenden Minimalverpflichtungen allein der Industriestaaten soll in Paris durch nichtverpflichtende, jederzeit widerrufbare Beiträge aller Staaten ersetzt werden.

Es handelt sich um ein Versagen der Weltklimapolitik, das auch ein Versagen der Klimawissenschaft ist. Konkrete Klimaschutzkonzepte und -empfehlungen seitens Politik und Wissenschaft liegen kaum vor, geschweige denn, dass sie energisch verfolgt werden. Die Weltklimadiplomatie kann daher beim besten Willen nicht mehr leisten, als das Wenige auszuschöpfen, was Politiker ihr an Entscheidungsfreiheit zugestehen und Klimawissenschaftler ihr an konkreten Vorschlägen zuliefern. Angesichts dessen schreibt Reimer ohne Ironie, dass sich die Hoffnungen der Klimawissenschaftler auf eine "Weltbürgerbewegung für den Klimaschutz" richten, die die Verfehlungen der Weltklimapolitik ausbügeln solle.

Vor uns die Sintflut

Aus dem Buch geht hervor: Alle klimadiplomatischen Anstrengungen in Richtung des Paris-Protokolls verhindern nicht, dass international weiterhin das Motto "business as usual" gilt. Und das impliziert 3,7 bis 4,8 Grad Celsius anthropogene Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts, wie etwa der deutsche Ökonom Ottmar Edenhofer stellvertretend für den Weltklimarat zitiert.

Reimer schreibt packend und überwiegend deskriptiv-erzählend. Konzeptionelle Vorschläge, wie sich Weltklimapolitik und -diplomatie aus der Sackgasse befreien können, präsentiert er nur am Rande. Auch geht er nicht auf eine Frage ein, die sich förmlich aufdrängt: Hat die Weltklimapolitik, da sie so gut wie ohne wissenschaftliche Beratung auskommen musste, sich nicht von Anfang an auf den Holzweg einzelstaatlicher Verpflichtungen und Beiträge begeben? Allerdings kann man von Reimer auch keine Wunder verlangen. Es ist ihm schwerlich vorzuhalten, kein Patentrezept gegen das Klimawandel zu haben: Die weltweite Klimawissenschaft liefert es trotz Multimilliarden-Finanzierung seit Jahren nicht.

"Schlusskonferenz" ist ein packendes Werk und allen zu empfehlen, die sich für den Klimaschutz engagieren.

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