Wer kann heute noch eine Wissenschaft vollständig überblicken oder, wie es in Stellenausschreibungen für Professuren so schön heißt, "das Fach in seiner ganzen Breite vertreten"? Niemand – worüber gern und eloquent geklagt wird. Das gilt in besonderer Weise für die Sprachwissenschaft. Ihr Gebiet ist ja auch wahrhaftig uferlos: über den Daumen gepeilt 7000 lebende Sprachen, dazu die eine oder andere, die nicht mehr gesprochen wird, sowie solche, die überhaupt niemals erklingen, Gebärdensprachen etwa. Sie alle wollen beschrieben, erfasst und möglichst zu Familien gruppiert werden.

Angesichts dessen erscheint Dieter Wunderlichs Vorhaben sehr ambitioniert. Der ehemalige Professor für allgemeine Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf möchte nichts Geringeres, als Laien seine Disziplin umfassend zu vermitteln, in ihrer ganzen Vielfalt und auf dem aktuellen Stand der Forschung. Wunderlich, seit Kurzem mit dem Wilhelm-von-Humboldt-Preis für sein Lebenswerk gekürt, hat seine Emeritierung im Jahr 2002 offenbar zum Anlass genommen, noch einmal so richtig durchzustarten.

Mammutaufgabe

Es ist eine gewaltige Herausforderung, der er sich angenommen hat. Linguisten befassen sich nicht nur damit, wie und wann Sprachen in ihr heutiges Verbreitungsgebiet kamen; wie sie in ihren jeweiligen Regionen, Staaten und Gesellschaften situiert sind; welche inneren Differenzierungen sie aufweisen, etwa nach Dialekten; wie sie von anderen Sprachen geprägt werden; welche Zukunft sie vor sich haben. Die Forscher interessieren sich auch für die menschliche Sprache (diesmal im Singular) überhaupt. Welche Formen kann sie annehmen? Weist sie unabänderliche Grundmuster (Universalien) auf, und wenn ja, sind diese in Hirnstrukturen angelegt? Wie ist sie evolutionär entstanden?

Es scheint unmöglich, dass eine einzelne Person all dies auch nur annähernd überblicken kann. Dennoch muss man nach der Lektüre unumwunden einräumen: Wunderlichs Buch ist hervorragend gelungen. Von historisch-vergleichender Sprachwissenschaft über Sprachtypologie und Universalienforschung bis hin zur Biologie der Sprachentstehung lässt es nichts aus. All das präsentiert der Autor wohlgegliedert, übersichtlich und für geneigte Leser verständlich.

Das Buch wird freilich nicht uneingeschränkt auf Zustimmung stoßen. Beispielsweise ist Wunderlichs Vorstellung, es sei Aufgabe der Schrift, eine "adäquate Wiedergabe der Lautsprache zu ermöglichen", verschiedentlich angezweifelt worden, und das aus gutem Grund. Nicht mehr allgemein akzeptiert ist auch sein Argument, es müsse ein spezifisches angeborenes "Sprachorgan" geben – denn was ein Kind an Kommunikation zu hören bekomme, reiche niemals aus, um seine Sprachfähigkeiten hervorbringen. Manche grafische Darstellung hätte man sich zudem ausführlicher und ansprechender gewünscht, etwa zur regionalen Verteilung der Sprachfamilien in Afrika und Ozeanien. Schließlich passieren dem Autor trotz aller Verständlichkeit vereinzelt Sätze wie "Reduplikation am Verb drückt iterativen oder habituellen Aspekt aus".

Diese Mängel wiegen aber nicht wirklich schwer und beeinträchtigen den sehr guten Gesamteindruck kaum. Wer sich für Sprache interessiert und einen überzeugenden Abriss der Linguistik sucht, der ist bei Wunderlich mit seinen wahrhaft enzyklopädischen Kenntnissen und seinem ausgewogenen Urteil genau an der richtigen Adresse. Nicht nur Laien, auch Fachleuten vermittelt das Buch zahlreiche überraschenden Erkenntnisse.