Wissenschaft und der technologische Fortschritt haben unser Leben binnen weniger Jahrzehnte gravierend verändert. Bildgebende Techniken und minimalinvasive Operationen ermöglichen medizinische Behandlungen, von denen die Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten nur träumen konnten. Internet und Smartphones haben unsere Kommunikation revolutioniert und unser Verhältnis zur Welt gleich mit. Sauberes Trinkwasser erscheint in den westlichen Ländern selbstverständlich, ebenso der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. All das führt Lars Jaeger zu der Aussage: "Selbst die ärmsten Mitglieder der westlichen Industriegesellschaft genießen heute einen weit höheren (absoluten) Lebensstandard als der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert."

Doch obwohl der wissenschaftlich-technische Fortschritt uns ein Leben ermöglicht, das lang und komfortabel ist wie nie zuvor, glauben viele heute, ebendieser Fortschritt würde uns das Leben künftig zur Hölle machen. Sciencefiction-Filme zeichnen Dystopien von totaler Überwachung und einer zerstörten ebenso wie zerstörerischen Umwelt. In krassem Kontrast zu diesem Pessimismus vertrauen die meisten Menschen den neuen Techniken geradezu blindlings. Sie lassen zu, dass ihr Smartphone jeden ihrer Schritte überwacht und unaufgefordert Gesundheitstipps erteilt. Sie geben intimste Details in "sozialen Netzwerken" preis, ihre Daten für ein paar Bonuspunkte im Supermarkt her und freuen sich über individualisierte Kaufempfehlungen.

Fehlende gesellschaftliche Debatte

Ein wesentlicher Grund für diese paradoxe Einstellung dürfte eine verbreitete Unwissenheit, ja geradezu Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Themen sein. Dabei, schreibt Jaeger, sei es heute wichtiger denn je, einen breiten gesellschaftlichen Diskurs darüber zu führen, was Wissenschaft kann, soll und darf. Sein Buch kann das nötige Grundlagenwissen hierfür liefern. Als studierter Physiker, Mathematiker und Philosoph schafft es der Autor, aktuelle Forschung verständlich zu beschreiben und gleichzeitig wichtige ethische Fragen dazu aufzuwerfen. Er fordert einen Mittelweg zwischen unkritischer Wissenschaftseuphorie und ängstlichem Ablehnen jeden Fortschritts.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. In den ersten beiden geht es um Technologien, die unser Leben schon heute prägen oder es in naher Zukunft werden. Jaeger deckt hier ein breites Spektrum ab, unter anderem befasst er sich mit Quanten-, Nano- und Gentechnologie, mit künstlicher Intelligenz, Neuro-Enhancement und Big Data. Welche Möglichkeiten bietet das 2012 entdeckte gentechnische Werkzeug CRISPR/Cas? Wie könnten Nano-Roboter dabei helfen, Krankheiten zu heilen – und was ist, wenn sie missbraucht werden? Was bedeutet es, wenn künstliche Intelligenzen bald auf die Rechenkapazitäten von Quantencomputern zurückgreifen können? Werden sie uns dann in jeder Hinsicht übertrumpfen?

Jaeger formuliert drastisch und aufrüttelnd – teils zu Lasten wissenschaftlicher Feinheiten. So trifft es zwar zu, dass sich das menschliche Genom inzwischen relativ schnell und billig sequenzieren lässt. Der Schritt, daraus für jeden Menschen ein individuelles Präventions- und Behandlungsprogramm abzuleiten, ist aber immer noch größer, als Jaeger suggeriert. Es bleibt den Lesern überlassen, zwischen den geschilderten Extremszenarien zu überlegen, wie unsere Zukunft tatsächlich aussehen könnte.

Keine Perspektive ist über alle anderen erhaben

Erst im dritten Teil beginnt der Autor, neben dem Schwarz und Weiß auch Grautöne einfließen zu lassen. Die leitende Frage dabei: In welcher Welt wollen wir leben, und wie können wir sie gestalten? Jaeger ist überzeugt, dass weder Wissenschaftler noch Politiker, Wirtschaftler oder Philosophen das allein beantworten können. Denn sie alle haben eine jeweils eigene, vorgeprägte und verzerrte Sicht auf die Welt, bestimmt von Interessenkonflikten, Wissenslücken und speziellen Problemen.

Wie können wir trotzdem die Weichen stellen für eine Zukunft, in der soziale Ungerechtigkeit ab- statt zunimmt; in der Computer Menschen helfen, ohne sie zu bevormunden; in der Gentechnik hilft, Krankheiten zu heilen, statt Design-Menschen zu erschaffen? In der wir also die Möglichkeiten der Wissenschaft nutzen, ohne die Kontrolle zu verlieren? Das ist laut Jaeger nur gemeinsam möglich: Gestützt auf eine solide naturwissenschaftliche Bildung solle jeder bereit sein, sich in den Diskurs einzubringen. Zusammen mit Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Philosophie solle die breite Gesellschaft ihre Zukunft in die Hand nehmen.

Die Möglichkeit einer umfassenden Transparenz, Teilhabe und eines freien Austausches hat die Digitalisierung bereits geschaffen. Wissenschaftler machen ihre Ergebnisse über Open-Access-Journale frei zugänglich und bereiten sie in Blogs verständlich auf. Mit Hilfe von Petitionsplattformen wie change.org kann heute jede(r) politisch Einfluss nehmen. Es liegt in unserer Hand, dies zu nutzen. Jaegers Buch ist jedenfalls ein guter Einstieg hierein und motiviert dazu, sich weiter mit den faszinierenden Möglichkeiten auseinanderzusetzen, welche die "Supermacht Wissenschaft" uns bietet.