Am 31. Mai 1902 unterzeichneten Vertreter Großbritanniens und der ehemaligen Burenrepubliken "Transvaal" und "Oranjefreistaat" in Vereeniging bei Johannesburg einen Friedensvertrag, der eine fast dreijährige mörderische Auseinandersetzung beendete. Dieser "Burenkrieg" (1899-1902), ein militärischer Konflikt zwischen weißen Kolonisten in Afrika, war ein Abnutzungs- und Vernichtungskampf. Seine historische Bedeutung reicht weit über die unmittelbare Konfrontation zwischen Briten und Buren (Nachfahren von holländischen, deutschen und französischen Einwanderern) hinaus.

Der Utrechter Historiker Martin Bossenbroek hat mit "Tod am Kap" eine glänzend geschriebene Studie über diesen Waffengang vorgelegt. Darin nimmt er den asymmetrischen Kampf aus drei verschiedenen Blickwinkeln unter die Lupe: aus Sicht des niederländischen Journalisten Willem Leyds, des britischen Kriegsberichterstatters Winston Churchill und des Burenkämpfers Deneys Reitz.

Vorgeschmack auf das 20. Jahrhundert

Eingebettet in die politische Großwetterlage des Imperialismus, der im "Gerangel um Afrika" (1880-1914) seinen Höhepunkt fand, beleuchtet der Autor Ursachen und Motive für das militärische Kräftemessen. Überfremdungsängste auf Seiten der Buren, die infolge vermehrter Zuwanderung von "Uitlanders" (Ausländern) Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Minderheit im eigenen Land zu werden drohten, und imperiale Begehrlichkeiten Englands mündeten in einen Konflikt, der einen Vorgeschmack auf die "totalen" Kriege des 20. Jahrhunderts gab.

Anschaulich schildert der Autor den aufopferungsvollen, aber aussichtslosen Kampf der Buren gegen den militärischen Goliath England. Sie verlegten sich auf eine Strategie der Nadelstiche und brachten dem übermächtigen Gegner anfänglich empfindliche Niederlagen bei. Doch das Imperium schlug mit eiserner Hand zurück. Mit einer Politik der verbrannten Erde zogen britische Truppen breite Schneisen der Verwüstung durch Transvaal und den Oranjefreistaat und nahmen so den südafrikanischen Bürgersoldaten die Lebensgrundlage. Farmen wurden niedergebrannt, Vieh erschossen und Felder angezündet. Die Frauen und Kinder der Buren wurden in Konzentrationslagern interniert. Dort vegetierten sie unter unwürdigen Bedingungen und bezahlten einen hohen Preis für die Entscheidung ihrer Männer, bis zum bitteren Ende weiterzukämpfen. Rund 28 000 Frauen und Kinder starben infolge von Unterernährung, fehlender Hygiene oder mangelnder medizinischer Versorgung.

Ausführlich behandelt Bossenbroek auch die Rolle der Medien, die mit rund 200 Korrespondenten im Kriegsgebiet vertreten waren. Die Weltöffentlichkeit nahm großen Anteil am Kampf der Buren, erst recht als die Briten dazu übergingen, deren Widerstand mit systematischem Terror gegen die Zivilbevölkerung zu brechen. Reporter wie die britische Aktivistin Emily Hobhouse (1860-1926) berichteten über die katastrophalen Zustände in den Internierungslagern.

Churchills Maxime

Der Imageschaden für England war immens. Womöglich, so Bossenbroek, trug das dazu bei, dass London seine Position im internationalen Kräftespiel überdachte und einen maßvollen Frieden anstrebte. Vergeben, vergessen und mit den Buren zusammenarbeiten, lautete nun die Devise aus Whitehall, zumal den Briten mit dem aufstrebenden Deutschen Reich im Süden Afrikas ein ernst zu nehmender Rivale erwuchs. Churchills Satz, wonach die Buren der "Fels sind, auf den die Briten in Südafrika bauen müssen", wurde fortan zur britischen Handlungsmaxime.

Bereits 1910 genehmigte London die Bildung der "Union of South Africa". Das heißt, aus den vormals zwei britischen Kolonien (Kapkolonie und Natal) und den beiden Burenrepubliken (Oranjefreistaat und Transvaal) wurde ein selbst regiertes Dominium innerhalb des Empire. Diese Annäherung zwischen Briten und Buren mündete 1911 in die Gründung der "Suid Afrikaanse Party", welche auf Zusammenarbeit mit Großbritannien setzte. Sie ging zu Lasten der schwarzen Bevölkerung, die von politischer Teilhabe ausgeschlossen wurde und ihrerseits 1915 den African National Congress (ANC) gründete.

Genau 59 Jahre nach der Unterzeichnung des Friedens von Vereeniging, am 31. Mai 1961, erklärte sich Südafrika nach einem Referendum zur Republik und trat aus dem Commonwealth aus. Damit bekamen die Buren doch noch ihren Willen – sie waren nun die Herren in ganz Südafrika.

Weit über bisherige Forschungsergebnisse hinaus hat der Autor in dem Buch destilliert, welcher Kausalzusammenhang zwischen den Ereignissen um 1900 und der Apartheid bestand. Bossenbroek beschreibt nicht nur den "White Man’s War", sondern auch den Krieg der Nichtweißen, der autochthonen schwarzen und so genannten farbigen (Misch-)Bevölkerung, die im Lauf des Burenkriegs immer mehr in die Feindseligkeiten hineingezogen wurde und am Ende zu den großen Verlierern gehörte.

Wer die Geschichte Südafrikas im 20. und 21. Jahrhundert begreifen will, kommt an Bossenbroeks brillant geschriebenem und auf profunder Sachkenntnis basierendem Buch nicht vorbei.