Der Schriftsteller und Maler Edward Lear (1812-1888) verfasste nicht nur beliebte Nonsensgedichte, sondern war auch begeisterter Ornithologe und Vogelzeichner. Eines seiner Werke, ein Hellroter Ara (Ara macao), ziert das Äußere dieser Prachtausgabe, in dem der Ornithologe Jonathan Elphick sehr sorgfältig die Geschichte der Vogelillustration erzählt. Die offenkundig edle Aufmachung sticht sofort ins Auge.

Das Buch liegt in einer Kartonkassette; von seiner Umschlagseite blickt einer der illustrierten Vögel, ein Temmincktragopan (Tragopan temminckii), den Leser in leuchtenden Farben an. Nimmt man den Band heraus, findet man darunter Farbdrucke von historischen Vogelillustrationen. Sie stammen allesamt aus dem Bestand der Bibliothek des Natural History Museum in London, geschaffen von Künstlern wie John und Elizabeth Gould (1805-1881, 1804-1841), John James Audubon (1785-1851), Archibald Thorburn (1860-1935) und William MacGillivray (1796-1852). Das feste Papier dieser Reprints bietet eine angenehme Haptik, zudem sind die Bilder angenehm matt gedruckt und dankenswerterweise nicht mit störenden zusätzlichen Beschriftungen versehen, so dass sich die Tiere unbeeinträchtigt im Großformat betrachten lassen.

Durch die Jahrtausende

Die Geschichte dieser und vieler weiterer Illustrationen zeichnet das Buch nach. Elphick führt in fünf Kapiteln chronologisch durch das faszinierende Thema. Er beginnt mit den Höhlenzeichnungen von Lascaux, die zu den ältesten bekannten Kunstwerken der Menschheit zählen, und leitet über in die Zeit von Aristoteles und später Pilinus des Älteren, deren Schriften die Naturgeschichtswerke des folgenden Jahrtausends beherrschten. Weiter geht es mit einem Ausflug in das China der Tang-Dynastie (616-906), und auch die Vogeldarstellungen des europäischen Mittelalters nimmt der Autor gebührend unter die Lupe. Dennoch ist dieser erste Abschnitt über die frühen Anfänge, gemessen an der großen behandelten Zeitspanne, ein wenig zu knapp geraten.

Die Kapitel Zwei bis Fünf sind weitaus länger und orientieren sich grob am geschichtlichen und technologischen Fortschritt. Im zweiten geht es um Kupferstiche, das dritte führt hinüber zu den ersten Lithografien, die das vierte dann in ihrem goldenen Zeitalter präsentiert. Das fünfte schließlich schlägt den Bogen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit und thematisiert dabei kurz die Fotografie. Dabei irritiert ein wenig, dass der Autor manche Kunstwerke ausführlich beschreibt, ohne dass sie dargestellt sind – stattdessen erscheinen auf diesen Seiten Bilder, die woanders im Text oder auch gar nicht behandelt werden. Alles in allem jedoch zeichnet Elphick lebendig nach, wie die Kunst der Vogeldarstellung zu einem eigenen Genre heranwuchs, in dem sich ästhetische Ansprüche mit detailgetreuer Wissenschaft verbanden. Das Buch verknüpft Naturwissenschaft, Kunstgeschichte, biografische Arbeit und Reisebericht und öffnet die Tür zu einer unverhofft facettenreichen Welt.

"Vögel" dürfte versierte Ornithologen ebenso fesseln wie Kunstliebhaber und naturwissenschaftlich Interessierte. Er stellt das Zeichnen als Herausforderung, Kunst und als Möglichkeit der idealisierten Darstellung vor, die es erlaubt, Artmerkmale hervorzuheben. Außerdem wagt der Autor zu hoffen, "dass dieses Buch nicht nur informativ und unterhaltsam ist, sondern uns auch dazu bringt, die Vielfalt der Vögel zu würdigen, und zum Schutz dieser Welt beiträgt, damit künftige Künstler und Vogelliebhaber ihre Schönheit weiterhin genießen und feiern können."