"Es ist der Geist, der sich den Körper baut", heißt es in Friedrich Schillers "Wallenstein". Als der weimarische Hofmedikus Wilhelm E. C. Huschke am 19. Mai 1805 den Leichnam Schillers untersuchte, könnte ihm hierzu die Wendung "Quod erat demonstrandum" (was zu beweisen war) in den Sinn gekommen sein. Denn Schiller war Zeit seines Lebens von chronischen Leiden geplagt gewesen und Huschke notierte die "Merkwürdigkeiten", die er beim Obduzieren fand: Die Rippenknorpel des Dichters seien "stark verknöchert", die rechte Lunge sei mit dem Rippenfell und dem Herzbeutel in solchem Maße verwachsen, "dass es kaum mit dem Messer gut zu trennen war". Die Lunge "faul und brandig, breiartig und ganz desorganisiert". Das Herz? Nur noch ein "leerer Beutel […] ohne Muskelsubstanz". Die Ränder der Leber "brandig". Gallenblase und Milz übergroß. Die Nieren in "ihrer Substanz aufgelöst", die Därme mit dem Bauchfell verwachsen. Allein Blase und Magen seien "natürlich" gewesen.

"Bei diesen Umständen muss man sich wundern", schloss Huschke unumwunden, "wie der arme Mann so lange hat leben können". Schiller selbst gab Antworten darauf. Mit ungeheurer geistiger Schaffens- und Willenskraft begehrte er nicht nur unablässig gegen die schweren Krankheitsschübe auf, die seinen Körper fortwährend heimsuchten, brachte ihnen zum Trotz großartige Werke wie "Maria Stuart" und "Wilhelm Tell" zu Papier, sondern legte auch aufschlussreiche Zeugnisse über seine Leiden ab. Im Mai 1791 schrieb er: "Es war ein heftiges Asthma […] Der Athem wurde so schwer, daß ich bei jedem Athemzug ein Gefäß in der Lunge zu zersprengen glaubte". Was Schiller hier schildert, wurde seinerzeit "Stickfluss" genannt und ist heute unter dem Begriff "Lungenembolie" bekannt.

Per Aderlass verschlimmbessert

In diesem Buch präsentieren die renommierten Mediziner Wolfgang Hach und Viola Hach-Wunderle viele historische Texte, die mit Krankheiten zu tun haben. Es sind Lehrstücke zur faszinierenden Geschichte der Medizin sowie zu Wegen und Irrwegen früherer Heilmethoden. Schiller etwa wurde 1791 per Aderlass behandelt, der damals bei Lungenembolie angewendet wurde – ein Eingriff, der wahrscheinlich mehr schadete als nutzte.

Egal ob "Stickfluss" oder die einst gefürchteten Leiden Kindbettfieber und Syphilis: All diese Krankheiten haben eines gemeinsam, nämlich ihre Verbindung mit dem venösen System. Kein Wunder, dass die Autoren ihren Fokus auf solche Gebrechen richten, denn sie sind herausragende Experten auf dem Gebiet der Venenlehre, der Phlebologie. Viele werden jetzt an lästige Krampfadern denken – und wenig Spannendes daran finden. Dabei wissen die wenigsten, dass die heute gängige Methode, Krampfadern mit hochprozentiger Kochsalzlösung zu veröden, auf die Syphilis-Behandlung mit Quecksilberpräparaten zurückgeht.

Alles in allem ist das Werk hochinteressant, intellektuell anregend und reich bebildert dazu. Auch wenn die eingebetteten historischen Texte bisweilen schwer zu lesen sind, machen sie zweifelsohne den großen Wert des Buchs aus, denn sie spiegeln den früheren Zeitgeist sowie das Denken einflussreicher Persönlichkeiten wider und liefern überhaupt wertvolle geschichtliche Einblicke. Die letzten Kapitel allerdings meistern die Gratwanderung zwischen populärwissenschaftlicher Darstellung und schwer verdaulichem Fachwissen nicht mehr ganz so gut wie die Abschnitte davor. Freilich kann man den Autoren hieraus kaum einen Vorwurf machen, denn der Band versammelt Artikel, die ursprünglich in der Fachzeitschrift "Phlebologie" erschienen sind und sich insofern eigentlich an ein Fachpublikum richten.