Beate Felten-Leidel verfügt über Sinne, die so empfindlich sind wie eine Super-Alarmanlage. Sie nehmen jeden noch so kleinen Stimulus wahr und verursachen damit permanenten Stress. Mit Bildern wie diesem beschreibt die hochsensible Felten-Leidel ihre Gefühlswelt. Da sie nicht nur ihre, sondern auch die Stimmungen anderer Menschen überdeutlich wahrnimmt und sich davon beeinflussen lässt, vergleicht sie sich mit einem Chamäleon: Sie passt ihre "Farbe" solange der ihrer Mitmenschen an, bis sie nicht mehr weiß, was ihre eigene ist.

Vor allem als Kind hat die Autorin sehr unter ihrer "Dünnhäutigkeit" gelitten. Erst später, nachdem sie Veröffentlichungen der amerikanischen Psychologin Elaine Aron gelesen hatte, erkannte sie ihr "Problem": Sie ist hochsensibel. Heute nimmt sie ihre feinen Sinne als Geschenk an. Im vorliegenden Buch schildert sie einerseits sehr persönlich und bewegend ihre Leidensgeschichte, wobei sie auf ihre Kindheit im Nachkriegsdeutschland zurückblickt und erläutert, was sie im Umgang mit ihren Eltern vermisst hat. Andererseits geht sie auf Strategien ein, die ihr geholfen haben, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Als gelernte Übersetzerin stellt sie sich beispielsweise oft einen inneren Dolmetscher vor, der zwischen ihr und der Welt vermittelt.

Es gibt nicht nur Extreme

Kapitelweise widmet sich Felten-Leidel den einzelnen Sinnen wie Riechen, Hören, Schmecken, Sehen und Fühlen und beschreibt jeweils ihre besonderen Wahrnehmungen. Dank der lebendigen Schilderungen fällt es leicht, sich in die Autorin hineinzuversetzen. Allerdings stellt sie "hochsensibel" und "normal" als Gegensätze dar und berücksichtigt nicht, dass es durchaus Abstufungen dazwischen geben kann. Damit vernachlässigt sie all jene, die zwar in mancherlei Hinsicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie, aber nicht ganz so stark betroffen sind.

Dennoch lohnt sich die Lektüre sowohl für besonders feinfühlige Menschen als auch für "normale". Den ersten gibt es nützliche Tipps und zeigt, dass sie nicht allein sind. Den zweiten hilft es, sich in die Lebenswelt Hochsensibler hineinzuversetzen und achtsamer mit ihnen umzugehen. Das oft strapazierte Bild der überempfindlichen Mimose, einer Pflanze, die bei Berührung ihre Blätter einklappt, ersetzt die Autorin durch das einer Clematis. Diese Blume hat hohe Ansprüche an Standort und Pflege, blüht aber bei richtiger Behandlung prächtig.

Hochsensibilität kann laut Felten-Leidel eine Bereicherung sein. Das feine Gespür erlaube beispielsweise, die kleinen Glücksmomente des Alltags besonders intensiv zu genießen. In dieser Hinsicht können auch weniger sensible Menschen von der Autorin lernen und ihr Leben mit mehr Freude erfüllen, indem sie positiven Kleinigkeiten mehr Aufmerksamkeit schenken.