Vorurteile sind eben Vor-Urteile. Ohne eine Person zu kennen, fällen wir in Sekundenbruchteilen ein Urteil über sie. Das kann dazu führen, dass wir bestimmte Menschen bevorzugen, obwohl wir so gut wie nichts über sie wissen. So zeigen bei Untersuchungen drei von vier Menschen eine Vorliebe für Weiße gegenüber Schwarzen – ganz unbewusst. Bedeutet das, dass sie Rassisten sind? Die Autoren des vorliegenden Buchs meinen entschieden: Nein! Trotzdem entstehe aus dieser Voreingenommenheit heraus eine Tendenz zu diskriminierendem Verhalten.

Ermittelt wurde dieses Ergebnis mit Hilfe des impliziten Assoziationstests (IAT), den die Autoren, beide Professoren für Psychologie, entwickelt haben. Dieser Test soll unbewusste Präferenzen messen. Zahlreiche US-Bürger (Banaji und Greenwald schreiben nicht genau, wie viele) haben an dem so genannten Rassen-IAT der Autoren teilgenommen, unter ihnen viele Schwarze. Dabei ergab sich unterm Strich die oben genannte Quote von 75 Prozent.

Unter dem inneren Radar

Mehrere Beispiele für die Anwendung des IAT sind im Buch aufgeführt. So kann man damit nicht nur die Präferenz einer bestimmten Hautfarbe messen, sondern auch, wie sehr die Teilnehmer den Begriff "Karriere" mit dem weiblichen Geschlecht verbinden oder welche Haltungen sie gegenüber Senioren und Homosexuellen einnehmen. Das Ergebnis sorgt häufig für Überraschungen. Denn der IAT erfasst innere Einstellungen, die, obwohl sie von bewussten Überzeugungen zum Teil stark abweichen, in der Regel unbemerkt bleiben. Gerade heute ist es wichtig, zu verstehen, wie diese "blinden Flecken" in unserer Persönlichkeit zustande kommen und in latente Diskriminierung münden können.

Banaji und Greenwald zeigen die sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen von unbewussten Stereotypen auf. So haben Untersuchungen ergeben, dass Schwarze in den USA bei Bewerbungen und Hauskäufen systematisch gegenüber Weißen benachteiligt werden, auch wenn sie dieselben Voraussetzungen mitbringen wie diese. Sie werden öfter als Weiße wegen Bagatelldelikten inhaftiert, und sie fallen häufiger sowohl physisch verletzender als auch tödlicher Polizeigewalt zum Opfer. Verdeckte Vorurteile gibt es auch gegenüber Senioren, Schwulen und Frauen. Harvard-Absolventen etwa bevorzugen schlechter bezahlte Jobs unter einem Chef gegenüber besser bezahlten unter einer Chefin.

Zahlreiche Aspekte, die unbewusst Einfluss auf unser Verhalten ausüben, erklären die Autoren sehr gut und verdeutlichen sie durch anschauliche Beispiele. Beispielsweise führt der Einfluss des kulturellen Umfelds dazu, dass wir Senioren automatisch mit Krankheit und Männer mit Führung assoziieren. Darüber hinaus findet bereits im Kindesalter eine Prägung auf unser soziales Umfeld statt, die uns lebenslang bevorzugen lässt, was uns vertraut ist.

Schubladen sind nicht immer schlecht

Trotz alledem ist es mitunter sinnvoll und notwendig, im Alltag in Kategorien zu denken, wie die Autoren betonen. So händigen wir einer fremden Person, die wir auf Grund ihres äußeren Erscheinungsbilds als Verkäufer einordnen, bereitwillig unsere Kreditkarte aus und vertrauen darauf, dass sie diese nicht missbraucht. Ohne solche Kategorisierungen könnten wir unseren Alltag kaum bewältigen.

Der Anhang des Buchs liefert eine gute Zusammenfassung. Die zahlreichen Fußnoten sind oft lesenswert, da sie den Text mit Zusatzinformationen ergänzen. Der Fokus des Buchs liegt klar auf den Ergebnissen des Rassen-IAT und befasst sich hauptsächlich mit der Lage in den USA. Dennoch ist es möglich, die Forschungserkenntnisse auf Deutschland und den Umgang mit hiesigen Minderheiten zu übertragen.

Ein Wermutstropfen: Die Autoren konzentrieren sich auf Mehrheitsmeinungen unter Psychologen und gehen kaum auf alternative Standpunkte ein, etwa abweichende Beurteilungen zum IAT. Auch kommt der Ratgeberaspekt, den der Untertitel des Buchs verspricht, zu kurz – vermutlich weil sich aus den vorhandenen Studienergebnissen nur wenig konkrete Maßnahmen gegen Vorurteile ableiten lassen. Nichtsdestoweniger ist die Lektüre spannend, aufschlussreich und stimmt nachdenklich. Sie regt zur Reflexion der eigenen Vorurteile an.