Wer in Deutschland als alter Mensch krank wird, kann sich auf einiges gefasst machen. Wegen fehlender Absprachen zwischen verschiedenen Ärzten bekommt er zu viele und teils ungeeignete Medikamente verschrieben. Vom Hausarzt bekommt er kaum noch Besuch, weil dieser immer mehr Patienten betreuen muss. Krankenhäuser haben nur in seltenen Fällen eine altersmedizinische Station; in den Notaufnahmen fehlt es an geriatrisch geschulten Fachkräften. Nach der häufig viel zu schnellen Entlassung aus der Klinik mangelt es an Reha-Angeboten, und der Übergang zur häuslichen Pflege funktioniert alles andere als reibungslos.

Medizinjournalist Raimund Schmid legt den Finger in die Wunden des deutschen Gesundheitssystems und prangert in sieben Kapiteln die Missstände der Altersmedizin an. In seinen Schilderungen werden sich viele Leser wiederfinden – ob sie nun persönlich oder als Angehörige betroffen sind oder im Gesundheitswesen arbeiten. Bei seinen Recherchen hat der Autor zahlreiche Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Hausärzte und Patienten in verschiedenen Teilen Deutschlands besucht. Lebensnah beschreibt er die individuellen Geschichten seiner Gesprächspartner, unterfüttert mit statistischen und juristischen Informationen.

Unterstützung für den Hausarzt

Wohltuend ist dabei, dass Schmid nicht nur deutlich Kritik äußert, sondern an konkreten Beispielen auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Unter anderem stellt er ein Modellprojekt aus Baden-Württemberg vor, bei dem der Hausarzt von einer Versorgungsassistentin unterstützt wird. Dabei handelt es sich um eine medizinische Fachangestellte mit Zusatzqualifikation, die speziell auf ältere Patienten eingeht. Das beinhaltet regelmäßige Hausbesuche ebenso wie eine psychosoziale Betreuung und gegebenenfalls Beratung, wie die eigene Wohnung in Richtung Barrierefreiheit gestaltet werden kann. Ähnliche Aufgaben übernehmen in anderen Bundesländern Gemeindeschwestern, von denen der Autor einige bei ihrer Arbeit begleitet hat. Zudem stellt er Krankhäuser mit speziellen Konzepten für die geriatrische Versorgung vor, widmet sich innovativen Kommunen und erläutert, welche Möglichkeiten die Digitalisierung gerade für ältere Menschen bietet.

Ärzte, Pflegekräfte und vor allem Politiker können sich hier sicherlich Anregungen holen. Speziell den Politikern "verschreibt" Schmid abschließend 20 Rezepte, die dabei helfen sollen, unser krankendes Gesundheitssystem zu kurieren. Unter anderem fordert er, Ansehen und Bezahlung der Pflegeberufe zu stärken, die hausarztzentrierte Versorgung auszubauen, an medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Geriatrie einzurichten und bis spätestens 2020 die Bettenkapazität geriatrischer Krankenhausstationen deutlich zu erhöhen.

Besonders hilfreich für Senioren und ihre Angehörigen sind die praktischen Tipps am Ende des Buchs. Hier listet Schmid komprimiert auf, was etwa bei einer Patientenverfügung zu beachten ist, welche Leistungen Hausnotrufsysteme anbieten und wie man mit einfachen Mitteln die Sturzgefahr im Alltag verringern kann. Ein kommentiertes Linkverzeichnis hilft dabei, weitere vertrauenswürdige Informationsquellen zu finden.