Gerhard Roth ist der wohl bekannteste deutsche Hirnforscher – und so manchem "Neuroskeptiker" ein Dorn im Auge. Für seine klare Positionierung als naturwissenschaftlich orientierter Mensch, der Bewusstsein und Seele als rein biochemisch und physiologisch beschreibbare Phänomene ansieht, erntete er viel Kritik.

Auch in diesem Buch, das er zusammen mit der Neurobiologin Nicole Strüber verfasste, geht der Forscher in die Offensive. Unter dem provozierenden Titel "Wie das Gehirn die Seele macht" hielt Roth einst einen Vortrag auf den Lindauer Therapietagen. Angelehnt an dieses Referat sowie an den Klassiker "Neuro-Psychotherapie" des verstorbenen Therapieforschers Klaus Grawe machen sich die beiden Autoren im vorliegenden Werk daran, die Seele und ihre Leiden von den neurobiologischen Wurzeln her zu ergründen.

Zunächst verlangen sie ihren Lesern jedoch einige Geduld ab. Nach langen Ausführungen über Aufbau und Funktion von Nervenzellen und Gehirn sowie Erkundungen der Neurochemie kommen Strüber und Roth endlich zur Sache und berichten anhand aktueller Forschungen darüber, in welchem Verhältnis die Neurobiologie zur Persönlichkeit und geistigen Entwicklung des Menschen steht. Sie erörtern, worauf Eltern-Kind-Bindungen sowie Traumatisierungen gründen, und welche Auffälligkeiten im Gehirn mit psychischen Störungen zusammenhängen. Das alles referieren die Autoren unaufgeregt, aber auch nicht sehr aufregend.

Trockener Stoff für die breite Leserschaft

Ihr Stil ist klar und direkt, jedoch machen sie sich nicht viel Mühe, das Gesagte durch Beispiele oder rhetorische Mittel zu veranschaulichen. Der Duktus ist weniger erzählend als vielmehr nüchtern konstatierend, stellenweise hat man sogar den Eindruck, ein verkapptes Lehrbuch in Händen zu halten. Doch das lässt sich auch positiv wenden: Allein die Tatsache, dass ein so detaillierter Forschungsbericht heute ein breites Publikum erreicht, verrät viel darüber, wie weit die "Naturalisierung des Geistes" bereits zum Allgemeingut geworden ist.

Strübers und Roths Hauptanliegen ist freilich die Darstellung jener Erkenntnisse, die im Rahmen der so genannten Hanse-Psychotherapiestudie gewonnen wurden. Demnach führt Psychotherapie nachweislich zu strukturellen Veränderungen im Gehirn, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Therapierichtungen (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie etc.) seien dabei allerdings zu vernachlässigen. Was zähle, sei die "therapeutische Allianz", also die Chemie zwischen Patient und Behandler. Eine darüber hinaus gehende Umstrukturierung der Persönlichkeit sei extrem schwierig und keineswegs durch Gespräche und Übungen allein zu bewerkstelligen. Ein Fazit, das mancher Therapeut zähneknirschend aufnehmen wird. Somit dürfte auch dieses Buch für neuen Diskussionsstoff sorgen.