Was die Ouvertüre im Konzertsaal ist, sind die ersten zehn Minuten im Therapiegespräch. Man begrüßt einander, nimmt Platz. Und der Patient ahnt schon, was der Therapeut gleich als Erstes fragen wird: Wie geht es Ihnen heute? Mal bringt diese Frage einen fruchtbaren Dialog in Gang; mal erlebt der Patient sie als ermüdend und wenig hilfreich.

Nach mehr als 25 Jahren in eigener Praxis weiß der Hamburger Autor und Psychotherapeut Thomas Prünte, dass Routine ihre Tücken hat. Und er findet, die ersten zehn Minuten einer Sitzung bieten mehr Potenzial als eine Frage, die man mit "gut" oder "schlecht" beantworten kann. Zu einem erfolgreichen Behandlungsverlauf gehöre, so der Therapeut, nämlich auch "die Kunst, Therapiesitzungen sinnvoll zu beginnen". Im Lauf der Jahre hat er deshalb eine Menge schlichter und spielerischer Alternativen zum routinierten "Wie geht es Ihnen?" ausprobiert.

Auf dem richtigen Gleis

In seinem Buch stellt er uns 44 dieser "Weichensteller" vor. Es ist eine kleine Hausapotheke für Psycho­therapeuten, ein Kompendium der Möglichkeiten, das sich am Stück genauso gut liest wie als Nachschlagewerk, weil es verständlich geschrieben und frei von Fachvokabular ist.

Mit jedem weiteren Kapitel präsentiert Prünte eine neue Variante für den Start ins therapeutische Gespräch. Er garniert sie mit Fallbeispielen und eigenen Erfahrungswerten, wobei er immer auch auf Risiken und Nebenwirkungen hinweist. Das Ziel: Den Patienten schon zu Beginn neugierig machen.

Mit viel Kreativität und Fingerspitzengefühl gelingt es Prünte, das Bewährte zu erweitern und aufzulockern, etwa indem er aus der Frage "Was fehlt Ihnen?" ein "Was fehlt Ihnen, um wieder an sich glauben zu können?" macht. Er schaut genau hin, ist frech und lockt sein Gegenüber immer wieder mit Paradoxien aus der Reserve – etwa "Sie würden sich ideal als schlechtes Vorbild eignen" oder "Stellen wir uns vor, Ihre Probleme wären Lösungen". Der Kleidung des Patienten gibt er genauso eine Bühne wie Null-Bock-Haltungen, Stammtisch­witzen, Gott und der Musik.

Zudem appelliert der Autor an essenzielle Umgangsformen, die im therapeutischen Alltagstrubel gern einmal untergehen. Beispielsweise sollte der Therapeut sich dem Patienten bei der ersten Sitzung mit vollständigem Namen vorstellen und ihn fragen, ob er gut hergefunden habe.

Fundierte Grundlage

So spielerisch die Interventionen daherkommen, so fundiert ist ihre therapeutische Grundlage. Sie dienen zum Beispiel der Emotionsregulation, der Ressourcenfindung oder helfen dem Patienten, versteckte Bedürfnisse auszudrücken. Anschaulich und knapp beleuchtet der Hamburger Psychotherapeut seine Vorschläge von verschiedenen Seiten und zeichnet dabei immer wieder Dialogsequenzen aus der eigenen Praxis nach.

In den 44 Kapiteln lernen die Leser nicht nur verbale Türöffner kennen, sondern auch Begrüßungen mit Stift und Papier, mit Händen und Füßen. Dabei ergibt sich ein erstaunlicher Einblick in die Möglichkeiten, mit wenigen Worten und in kurzer Zeit eine therapeutische Sitzung zu eröffnen. Was nach der Lektüre bleibt, ist ein Schmunzeln und ein Kopf voll mit Ideen und frischem Wind für das nächste Therapiegespräch. Profitieren können davon Berufsanfänger ebenso wie alte Hasen: Sei es, um wieder Bewegung in einen schleppenden Therapieprozess zu bringen; sei es, um ein bisschen Schwere aus dem Gespräch zu nehmen. Einziger Wermutstropfen: Die Sparte "Was zu beachten ist" hätte gerne ausführlicher sein dürfen – mit Hinweisen auf spezifische Patientengruppen, Konfliktsituationen und den richtigen Zeitpunkt fürs Experimentieren in den Auftaktminuten.