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Von der Wald- zur Laborchemie

Warum zerkratzen Raubvögel die Rinde giftiger Sträucher mit ihren Krallen, bevor sie jagen? Weil sie ihre Beute dann leichter erlegen können. Indianer, die dies beobachteten, haben so das Pfeilgift Curare entdeckt. Zudem wussten die Ureinwohner aus Maniokbrei und Spucke eine Art Bier zu brauen.

Mit dem aufmerksamen Observieren von Tieren beginnt für den Chemiker und Philosophen Jens Soentgen die Geschichte der frühen Chemie. Der Autor präsentiert Unterhaltsames über 33 ausgewählte Substanzen und möchte damit junge Leser auf das Fach neugierig machen. Dabei streift er nicht nur die heutige Labor-, sondern auch die Alchemie. Das Spektrum seiner Themen ist sehr breit und umfasst unter anderem Produkte aus Elefantenkot, die Suche nach Gold, die Herstellung von Salpeter oder die Besonderheiten von Wasser. Die Eigenschaften all dieser Substanzen vermittelt er in abwechslungsreichen Anekdoten, zusammen mit chemischem Grundlagenwissen und den Lebensumständen und Moralvorstellungen diverser Forscher. Originell sind Soentgens Beispiele aus dem Tierreich: Wespen zerkauen Holz, um eine papierähnliche Masse zu erhalten, aus der sie ihre Nester bauen, und auch aus dem stark zellulosehaltigen Dung von Elefanten lässt sich Papier gewinnen.

Für den Krieg an Kellerwänden kratzen

Im Kapitel zur Alchemie erfahren wir, wie "Salpeterer" die Erde umgruben, wo Brennnesseln wucherten, um an begehrte Stickstoffverbindungen zu kommen. Salpeter war nötig, um Schwarzpulver herzustellen. Man fand ihn auch in Kellern, wo er wie Schimmel aus den Wänden "wuchs". Zudem behandelte man Mist oder fruchtbare Erde, indem man sie mit Asche und Blut mischte, kochte und den klaren Teil eindampfte, bis der Salpeter auskristallisierte. Ein bekannter Salpetersiedler war der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker (1735-1789), der seinen militärrelevanten Beruf irgendwann an den Nagel hängte mit den Worten: "Was gehen mich eure Kriege an."

Derlei Zivilcourage haben Laborchemiker leider oft vermissen lassen. Das macht Soentgen deutlich, wenn er die dunklen Seiten dieser Wissenschaftsdisziplin beleuchtet. Er stellt Chemiker vor, die giftige Kampfstoffe entwickelten und sich so zu Helfern der Menschenverächter machten. Einer von ihnen: Fritz Haber, der den Einsatz von Chlorgas vorschlug und so im Ersten Weltkrieg die chemische Kriegsführung initiierte.

Im so genannten Dritten Reich begeisterten sich viele Chemiker für das Naziregime, schreibt Soentgen. Sie beteiligten sich am Massenmord in deutschen Konzentrationslagern, etwa mithilfe des Vernichtungsmittels Zyklon B. Der Autor berichtet auch von den Machenschaften des Unternehmens I.G. Farben, das über die Buna-Werke eine Zweigstelle in Ausschwitz unterhielt. Hier mussten KZ-Häftlinge als billige Arbeitskräfte Synthesekautschuk für die Wehrmacht herstellen. War ihre Arbeitsleistung aus Sicht der I.G.-Farben-Leute unbefriedigend, forderten sie Bestrafungen seitens der SS an oder ließen "verbrauchte" Häftlinge austauschen, die dann ermordet wurden. Vor diesem Hintergrund fragt Soentgen nach der moralischen Verantwortung von Wissenschaftlern und unterstreicht, es gebe immer eine Alternative dazu, sich an menschenverachtender Forschung oder Produktion zu beteiligen.

80 Experimente

Das Buch vermittelt Wissenschaft im Großen und Ganzen verständlich. Mitunter verkürzt der Autor den fachlichen Hintergrund etwas zu sehr. So schreibt er, Ocker werde im Feuer "gereift", um die Farbe von gelb nach rot zu verändern. Dass dabei eine Eisenverbindung dehydriert, erfährt man nicht. Kohlendioxid taucht in dem Werk als Kohlensäure auf, die das Mineralwasser "zusammenhalte", was sich nicht recht erschließt.

Der Untertitel des Werks "Chemie für Furchtlose" bezieht sich offenbar auf die knapp 80 Experimentiervorschläge, die ein Drittel des Inhalts ausmachen. Mit ihrer Hilfe können die Leser selbst ausprobieren, wie sich Tinte aus Eichengalle oder Acetylsalicylsäure (Markenname Aspirin) aus Weidenrindenextrakt herstellen lässt. Die Versuche erscheinen auf den ersten Blick einfach, muten aber manchmal seltsam an. So dürften die meisten Leser wenig Lust verspüren, Chlorgas zu synthetisieren – selbst wenn nur in geringen Mengen.

Abgesehen von diesen Handicaps ist das Werk ansprechend, auch wegen der hohen Papierqualität und den interessanten Illustrationen.

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