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Was den Mensch zum Menschen macht

Wer sind wir, woher stammen wir und was ist unsere Bestimmung? Das fragen sich wohl alle Menschen irgendwann. Naturwissenschaftler enträtseln unsere stammesgeschichtliche Herkunft und unsere Physiologie, einschließlich der Vorgänge im Gehirn, immer weiter und entmystifizieren sie damit. Philosophen, Soziologen und Anthropologen dagegen orientieren sich mehr am direkten Erleben des Individuums und an seinen unmittelbaren Umweltfaktoren, um die Eigenarten unseres Daseins zu erklären. Dazwischen steht die moderne Psychologie: Sie versucht, die Befunde der Neurowissenschaft in therapeutische Konzepte zu integrieren, um Menschen mit Sinnkrisen und psychischen Störungen behandelnd und beratend zu unterstützen.

Aus dieser Zwischenperspektive heraus schreibt Gerd Rudolf. Mit seiner langjährigen Erfahrung als tiefenpsychologischer Psychotherapeut versucht er, im vorliegenden Werk verschiedene Perspektiven der philosophischen Anthropologie – etwa Theorien über die individuelle Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung – mit eigenen Überlegungen bezüglich des Menschseins zu verknüpfen. Dabei zitiert er nicht nur große Denker sämtlicher Epochen, sondern auch Künstler und Forscher, und trägt somit sehr heterogenes Material zusammen.

Fast vollständig Affe

Zu Beginn geht Rudolf auf den "animalischen Menschen" ein, der 98,7 Prozent seiner Gene mit höheren Affen teilt. Die in unserem tierischen Erbe verwurzelte Triebhaftigkeit griff Sigmund Freud (1856-1939) in seiner psychoanalytischen Theorie Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Der ebenfalls analytisch geprägte Rudolf umreißt die freudschen Überlegungen ausführlich und versucht einen Bezug zwischen ihnen und aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen darzustellen. So sei etwa das "Habenwollen" als Kernmerkmal der Konsumgesellschaft der Ausdruck der Wunsches, sich im Sinne der "kindlichen Oralität" alles einverleiben zu wollen.

Anschließend befasst sich der Autor mit der emotionalen und denkenden Seite in uns. Beide führten im Leben der meisten Menschen zu Problemen, etwa in Form konfliktbeladener Liebesbeziehungen oder aufgrund des Faktums, dass menschliches Denken großteils irrational geprägt ist. "Es ist unterhöhlt von oral gierigen, anal quälerischen Tendenzen, von unreifen sexuellen Bedürfnissen oder von narzisstisch-destruktiven Motiven", postuliert Rudolf ganz im Sinne verbreiteter psychoanalytischer Auffassungen, ohne dies mit konkreten Forschungsergebnissen zu belegen. Dennoch betont er die große Bedeutung und den unermesslichen Nutzen des selbstreflexiven Denkens, das uns Menschen auszeichnet. Er nennt Fähigkeiten, die seiner Ansicht nach bewusstes Selbsterleben ermöglichen, etwa die Mentalisierung innerpsychischer Vorgänge oder die Integration körperlicher und mentaler Aspekte des Ichs. Mit dem französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) und dem chinesischen Lehrmeister Konfuzius (6./5. Jh. v. Chr.) stellt er zwei verschiedene Auffassungen darüber vor, wie man idealerweise über eigenes Erleben und Verhalten nachdenken sollte.

Ausschweifender Stil

Ohne diese Überlegungen recht zu Ende gebracht zu haben, lässt Rudolf ausführliche Gedanken über die Sinnstiftung durch Religion und Moral folgen, sowie über die Bedeutung kultureller und gesellschaftlicher Einflüsse für das Individuum. Dabei schweift er in nicht immer ganz logisch erscheinende Exkurse ab, die immerhin seine beachtliche Kenntnis der philosophisch-anthropologischen Fachliteratur wiederspiegeln. Oft zitiert er antike Denker wie Platon (5./4. Jh. v. Chr.) oder Autoren der Neuzeit wie Leo Tolstoi (1828-1910), und vergleicht deren Schriften mit gängigen Ansichten bezüglich des Menschseins. Es drängt sich während der Lektüre jedoch der Eindruck auf, dass Rudolf bevorzugt sein eigenes Bild vom Menschen und auf diesen wirkenden Umwelteinflüssen wiedergibt. Neuere Befunde aus der psychologischen Forschung zitiert der Autor selten; wenn überhaupt, verweist er auf eigene Publikationen oder auf jene von anderen Tiefenpsychologen.

Unterm Strich entsteht das Bild eines sehr persönlich gefärbten Nachschlagewerks anthropologischer und philosophischer Theorien über das Menschsein. Rudolf macht exzessiv Gebrauch von den Begrifflichkeiten der Psychoanalyse, was Freud-Skeptikern und Neurobiologen sauer aufstoßen dürfte. Zwar geht er auf wichtige Konzepte verständlich ein, bleibt dabei jedoch oft einseitig. So muss sich der Leser mit der Archetypenlehre des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung (1875-1961) als Beispiel für irrationales Denken zufrieden geben, erfährt aber nichts über viel stärker verbreitete sozialpsychologische oder pathologische Denkfehler.

Das Werk kann philosophisch und kulturgeschichtlich Interessierte mit seinen vielschichtigen Betrachtungen durchaus fesseln. Eine auf den Punkt gebrachte Darstellung dessen, was uns Menschen im Kern ausmacht, liefert es allerdings nicht.

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