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Die Liebe zum Sohn – und zum Fußball

Wahre Fußballfans reisen Woche für Woche ihrer Mannschaft hinterher. Doch was macht man als Fanvater, wenn man seinem Sohn mit Asperger-Autismus diese Leidenschaft vermitteln will?

Als fußballbegeisterter Vater wünscht man sich wohl meist, dass die Tochter oder der Sohn in die eigenen Fußstapfen treten – und der Nachwuchs den Nürnbergern oder Schalkern zujubelt und nicht den Roten aus München oder den Gelben aus Dortmund. Was aber macht man, wenn das Kind ein Asperger-Autist ist, der sich emotional nicht so hinreißen lässt, wie es sich für einen richtigen Fußballfan wohl gehört? Das extrem hohen Wert auf Logik, Ordnung und geregelte Abläufe legt – was auch nicht unbedingt dem Grundcharakter des Fußballs entspricht? Mirco von Juterczenka hat darüber ein hinreißendes Buch geschrieben, das einen oft Tränen lachen lässt und hin und wieder auch zu Tränen rührt.

Von Juterczenka ist Vater eines Asperger-Autisten namens Jason und kam nach einem Stadionbesuch mit ihm und seinem eigenen Vater auf die Idee, zusammen mit Jason einen Lieblingsfußballverein für diesen zu finden. Der Autor selbst ist Anhänger der Düsseldorfer Fortuna, würde sich aber nicht als Ultra bezeichnen – also einer jener Fans, die Spieltag für Spieltag ihr Team unterstützen und niemals auf die Idee kämen, beispielsweise den 1. FC Köln gut zu finden. Und deshalb konnte er sich mit Jason auf eine Reise zu den verschiedensten Spielen und Stadien machen, damit der Sohn sich ein eigenes Bild der Teams, ihrer Anhänger und der Stadien machen konnte. Am Ende sollte der Sohn sich selbst für einen Verein entscheiden können. Ihre Erlebnisse hatte von Juterczenka zuerst in dem Blog "Wochenendrebell" verfasst, der den Grimme Online Award 2017 gewonnen hat. Eine Auswahl davon wurde schließlich für das Buch "Wir Wochenendrebellen" zusammengestellt.

Von den Regeln lösen

Es handelt sich nicht um ein klassisches Fußballbuch und auch nicht um eine populärwissenschaftliche Abhandlung über Autismus-Spektrum-Störungen, zu denen das Asperger-Syndrom zählt. Natürlich erfährt man viel darüber, wie es ist, mit einem Kind zu leben, das Asperger-Autist ist – was den Alltag nicht unbedingt erleichtert. Aber pauschalisieren dürfe man dies nicht, wie der Autor selbst schreibt. Denn Autismus-Spektrum-Störungen kommen in vielen Facetten daher und lassen sich daher nicht von einem Menschen auf einen anderen übertragen. "Wir Wochenendrebellen" ist vielmehr ein Buch über einen Vater, einen Sohn und die Liebe zum Fußball. Und es zeigt, wie sich Jason im Lauf der Zeit entwickelt, beispielsweise wie anfänglich ganz strikte Regeln nach und nach doch aufgeweicht werden – was das Leben für beide (und den Rest der Familie) erleichtert.

Exemplarisch zeigt sich dies im Kapitel "Welcome to the hell of St. Paulis Sanitärbereich": einer der berührendsten und lustigsten Abschnitte im ganzen Buch. Jason hatte zu diesem Zeitpunkt noch seine ganz eigene, streng reglementierte Toilettenprozedur: Gesetzt wird sich nur auf weißes Porzellan, und im Stehen pinkeln geht gar nicht. Doch St. Paulis Toilettenhäuschen entsprachen diesen Vorgaben überhaupt nicht. Was tun, wenn dem Sohn gleich die Blase platzt, aber nur eine Rinne zur Verfügung steht? Am Ende geht von Juterczenka in die Hocke, lässt seinen Sohn auf seinen Oberschenkeln sitzen, der dadurch endlich sein Geschäft verrichten kann, und stinkt danach mangels Wechselkleidung stundenlang nach Urin – das Ganze unter den ungläubigen Blicken zweier St.-Pauli-Fans. Eine brüllend komische wie sentimentale Szene, zeigt sie doch, wie stark die Liebe zu Kindern sein kann.

"Wir Wochenendrebellen" belegt auch die soziale Komponente des Fußballs. Jason und sein Vater standen in der Schalker Nordkurve ebenso wie in Dortmunds gelber Wand – beides für sich schon beeindruckende Schauspiele. Doch sie wurden noch übertroffen von der Herzlichkeit vieler Fußballfreunde. Fans nahmen den Sohn und den Vater sehr offen auf, oft erhielten die beiden gesonderte Stadion- oder Stadtführungen. Ohne diese Touren, schreibt von Juterczenka, "hätten wir nie die Herzlichkeit der Schalker, Dortmunder, Münchner, Sandhausener, Unioner, Babelsberger, Fürther, Franzosen, Tschechen und Italiener kennengelernt".

Das Buch beschreibt sehr direkt, welche Schwierigkeiten und Hürden Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen und ihre Angehörigen im Alltag überwinden müssen. Dazu gehören natürlich auch Jasons Mutter, die laut dem Autor den härtesten Job in der Familie hat, und seine Schwester. Wer das Buch gelesen hat, wird nicht mehr gleich die Augen verdrehen, wenn ein Kind mal "schwierig" ist.

Jason hat bis heute keinen Lieblingsklub gefunden, und womöglich wird dies nie eintreten. Aber seine und seines Vaters Reise geht weiter, denn sie lieben den Fußball. Und das ist auch gut so.

07/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07/2018

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