Unlängst berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" von der neuerlichen Expansion Chinas zur See: jenem Vorstoß Pekings auf die Weltmeere, der mit großen Investitionen in Häfen am Indischen Ozean, am Roten Meer bis hin zum Mittelmeer einhergeht. Chinas Führung bezeichnet diese Expansion als die "maritime Seidenstraße des 21. Jahrhunderts". Im vorliegenden Buch des Historikers Michael North lernt man, woher dieser Begriff stammt – und dass es eine "maritime Seidenstraße" bereits vor 600 Jahren gab. Im Herbst 1405 brach der chinesische Admiral Zheng He mit einem Verband aus 62 Schiffen und 27 000 Mann Besatzung von Nanjing in Richtung Calicut in Indien auf. Es war die erste von sieben Reisen der Flotte, und sie führte die Chinesen über den Indischen Ozean bis ins Arabische Meer und an die Ostküste Afrikas.

Die maritime Seidenstraße des 15. Jahrhunderts ist nur ein Beispiel von vielen, über das North in seiner "Weltgeschichte der Meere" berichtet. Sehr gut lesbar umreißt er in zehn Kapiteln, wie die Menschen seit mehr als 3000 Jahren die Ozeane nutzen – zum Handel, zur Erschließung neuer Lebensräume und zur Machtausübung. Nachdem der Autor eingangs die Anfänge der Seefahrt erörtert, geht er zu historischen Schilderungen über, die sinnvoll nach geografischen Regionen gegliedert sind. Als Leser erfährt man für jedes behandelte Meer, welche Aspekte dort jeweils von zentraler Bedeutung waren – ob es um die Macht der Hanse im Ostseeraum geht, den Einfluss der Wikinger von Nord- und Ostsee bis hin zum Schwarzen Meer, den Aufstieg der Seerepubliken im Mittelmeer oder die vergleichsweise späte, aber nicht minder interessante Erschließung des Pazifiks.

Seemacht Venedig

Zwar überraschen Norths Ausarbeitungen nicht unbedingt und finden sich ähnlich auch in anderen Werken wieder. Dem Autor gelingt es aber sehr gut, das Thema kompakt auf 300 Seiten zu behandeln und mit vielen Quellenverweisen zu unterlegen. Auch streut er immer wieder Zitate von Zeitzeugen ein, was die Darstellung lebendig macht; etwa wenn der Kastilier Pero Tafur im 15. Jahrhundert begeistert vom venezianischen "Arsenal" schwärmt, der seinerzeit fortschrittlichsten Schiffswerft, oder der Seemann Edward Barlow um 1700 von der Mühsal seines Berufs erzählt.

In den letzten beiden Kapiteln geht der Autor auf die Globalisierung sowie die Gefährdungen der Meere ein. Dies bildet einen gelungenen Abschluss des Buchs und zeigt zugleich, wie schnell sich die maritime Welt, beispielsweise mit dem Übergang vom Segel- zum Dampfschiff, gewandelt hat. Deutlich wird auch, dass gegenwärtige Probleme wie die Überfischung der Meere kein ganz neues Phänomen sind, sondern bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts ernst zu nehmende Probleme verursachten. Alles in allem ist der Band, den Bibliografie und Register sinnvoll ergänzen, sehr lesenswert.